четвртак, 29. новембар 2007.

Dagmar - Eva Mempel: Reizworte

© by Gregg Chadwick - Furyu

Reizworte
in schwarz weißer
Wesenheit häuten sich

Buchstaben auf Papier: Herzlaib

in Finsternacht bewegtes
Stummschweigen am Stiftende
brechen Schreibblasen

Worte brock ich mir ein
und löffel mich hungrig

© by Dagmar - Eva Mempel

среда, 28. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Die Spinne und ihr Netz

Die Spinne und ihr Netz
nur ein Augenblick
im späten Herbst.

Miroslav B. Dušanić

Мирослав Б. Душанић

im fadenzähler
fleißig
fäden mir gezählt
nicht einen
ausgelassen
fäden ziehen
froh gelacht
und einen
frei gelassen
für die nacht

by © SuMuse

уторак, 27. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Nr. 13

Мирослав Б. Душанић

Nr. 13

Ohne ihre Laute
die Ruh
verdichtet sich
zu dicht
und schmerzt

Miroslav B. Dušanić

Sara Dušanić: hommage an prinz de saint-exupéry

Zeitschrift für Lyrikfreunde „Begegnung“ (Medieninhaber, Verleger: Gesellschaft der Lyrikfreunde - A-6020 Innsbruck; P.b.b. Verlagspostamt - A-2384 Breitenfurt) hat zwei Gedichte von Sara Dušanić veröffentlicht:
1. fragment an die heimat
2. hommage an prinz de saint-exupéry.

Sara Dušanić wurde auch durch Gaby G. Blattl aus Wien offiziell für Othmar Seidner - Jungenautorenpreis 2007 nominiert.


hommage an prinz de saint-exupéry

der schlange magen schlingt die zeit
tropft müde-kühles wasser
von den affenbrotbäumen - ein elefant minus
zeigt die uhr

mein prinz traurig: nur ein hut..!
- so die großen leute
mangelfantasie in blinde anzüge eingenäht
wundert ihn

der einsame planet - drei vulkane
und erste verlorene blume unter glasglocke-
schutz auf kleinraum endlos-
melancholie

© by Sara Dušanić

понедељак, 26. новембар 2007.

недеља, 25. новембар 2007.

Danilo Vuksanović (Данило Вуксановић)

Born on December 29, 1973 in Sombor (Vojvodina). Graduated from the Academy of Fine Arts at Novi Sad University, Section of Graphics. Member of Artists' Association of Serbia (ULUS) and Artists' Association of Vojvodina (ULUV).


Miroslav B. Dušanić: Die letzte Inventur oder Sterbeszenerie nach meiner Mutter


Die letzte Inventur
oder Sterbeszenerie nach meiner Mutter

Als er sprach sei unser Wohnzimmer
renovierungsbedürftig
und alles ein wenig alt und gelb
sagte Mutter
mit überraschender Sachlichkeit

Von ihm durcheinander ausgesprochene Worte
gemessen/abgemessen
unangemessen auch Sprachpausen
um Atemschöpfen
nichts dürfe verlorengehen

Die Geräusche an diesem Morgen
verebbten langsam
mein Vater sterbe und habe keine Zeit
in jedem Wort
mitschwinge die Endgültigkeit

Als er starb habe Mutter das Gefühl
er bliebe im Sterbezimmer
und habe dessen vier Wände
nie verlassen
er warte auf mich noch immer

Miroslav B. Dušanić

Nachtrag:

Mutters Worte sind ein Stich ins Herz
und sie hat ja wieder vergessen —
Einmal hatte sie mir gesagt:
Auch wenn die Welt vergänglich ist
wer Kinder hat stirbt nicht

субота, 24. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Ein besonderer Tag im Leben


Ein besonderer Tag im Leben

Den Sonnenuntergang
aufzufangen
mit den Birkenbäumen
im Nachbarsgarten

In mich aufnehmen
in aller Ruhe
mit dem Mund
mit der Hand

Und hineinzublicken
in mein einsames Herz

Miroslav B. Dušanić


Nicht zu glauben wie diese kühle Sonne einen noch im Untergehen verbrennen kann. Auch ich sah heute dieses seltsame Novemberabendfeuer auf der Wand unserer alten Scheune von der sich die Tauben den Kalk abpicken.
Da dachte ich, dass das Leben ja sowieso immer ganz anders ist als man es sich zurechtdenkt.
"in mich aufnehmen ... mit dem mund / mit der hand".
Ich werde den November aufessen um diesen armen ungeliebten Monat zu erwärmen...

Angelika Demel

Photographie: Miroslav B. Dušanić

петак, 23. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Zweite Lagebesprechung


Zweite Lagebesprechung

Heute noch unrasiert
mit sechsundvierzig
mir geht es gut
zu Hause
aber die Freiheit
nenn‘ ich das nicht
ich hab‘ Schmerzen
verschluckt
wiege mich durch
verbleibende Tage
und Exiljahre
herumtrage
in diesem warmen
klebrigen Brei

Miroslav B. Dušanić

Sara Dušanić: Тата

© by Tamara Lunginović
Тата*
„поклањам ти ову песму“**

als du zupftest aus silbern‘ bart
jene gedichte welche die erfahr’ne
seel für’s leben gemalt

dass worte man kann schenken
für dies wundersam‘ gesicht
dass ich sitz und zupf und zupfe
versuch den genius aus dem bart

hab träne in augenritze
wie sehr lieb ich mein‘ Papa
„поклањам ти ову песму“
dass ich wieg‘ so lyrisch‘ lieb‘

könnt mehr herz vers‘ füllen
mit dies wunder‘ bart
dass ich sitz und zupf und zupfe
die silbern‘ ringellocken singen gar:
das lied der heimat
von der lieb‘
von dem weh‘ und
von dem sehnen
„поклањам ти ову песму“
vom herz
und von der träne

© by Sara Dušanić

* Papa
** ich schenk‘ dir dies‘gedicht

среда, 21. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Narrenspiel

Мирослав Б. Душанић

Narrenspiel

Und sie sprechen zu dir
leicht geneigt
zwischen Regenbogen und Erde
eine Entschuldigung ist keine Traurigkeit
Bücher breiten sich nicht aus
als Kind oder etwas Ähnliches oder Spiel

Und sie sprechen zu dir
mach aus Etwas etwas Anderes
ein menschliches Wesen
dessen Kopfform auf Rind oder Stier verweist
und eine Landschaft ohne Morgen
es gibt kein Geheimnis an sich wie Könige

Und sie sprechen zu dir
wie man zu einem Verlag kommt
dass das Meisterwerk am Kitsch entsteht
es sind nicht die Inhalte es ist die Sprache
heute zieht keiner mehr die Kompasse
und wer isst noch mit der Ratte am einsamen Tisch

Miroslav B. Dušanić

Miroslav B. Dušanić: In allem das Ich

Miroslav B. Dušanić
In allem das Ich
und das Ich
verbrennt alles
verbrennt sich 

Miroslav B. Dušanić

уторак, 20. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Die Welt hat mich wieder

Lehrer Lämpel © by Painting Witch I. (Heidi I.)

Die Welt hat mich wieder
aber du bist fortgeflogen - unbekümmert
im Flügelschlag einer Krähe
- auf dem See nur der Sturm

Erinnerst du dich noch: Es gab eine Zeit
als die Kälte alles einfror
als alle Geschöpfe schwiegen
und bei jedem - ein anderes Schweigen

Wo bist du - in der Kälte
in früheren Zeiten vielleicht

Miroslav B. Dušanić

понедељак, 19. новембар 2007.

недеља, 18. новембар 2007.

Ludwig Hohl: Das Engagement des Schriftstellers

Das Engagement des Schriftstellers
(Antwort auf eine Umfrage)

Darüber, dass der Schriftsteller sozial engagiert ist, besteht für mich seit langem kein Zweifel.
Allein dass er in einer Sprache sich äussert, ist ein Beweis dafür. Denn ohne die andern – gleichviel in welcher Art, in welchem Grade die andern da seien, ob sie nur gedacht seien z.B. – würde die Sprache nicht existieren. Wenn ein Mensch ganz allein wäre, freilich eine undenkbare Vorstellung und ein unmöglich durchzuführender Test –, würde er allmählich, über kurz oder lang, aufhören zu schreiben, aufhören zu sprechen, in sich selbst zu sprechen, »zu sich selbst« zu sprechen (das »zu sich selbst« ist nur eine Fiktion), zu denken. Er würde schliesslich – wahrscheinlich über Stufen wie Wahnsinn und Verblödung – aufhören, zu sein. Denn der soziale Trieb ist, neben dem Ernährungstrieb, der mächtigste Trieb des Menschen. (Und der sexuelle Trieb ist nur eine Unterabteilung davon, wenngleich bei einigen an Bedeutung überwiegend, in andern Fällen mässiger, selten einmal fast nicht vorhanden wie bei Kant: was aber nicht heisst, dass bei Kant der soziale Trieb nicht überaus mächtig war.
Also sind, aus einer gewissen Distanz gesehen, alle Werke, möge es sich um Drama oder Epik, um Gedichte oder Philosophie (etc.) handeln, nichts als Briefe an einen Freund (einen fernen vielleicht wohl, einen nur vorgestellten; dennoch Briefe an einen Freund oder Freunde, – an die Menschen).
(Und das Gerede vom Elfenbeinturm wäre eine der grössten Sinnlosigkeiten, die je geredet wurden, wenn es das Gesamte des Künstlers und nicht nur eine Einzelheit beträfe.)

Ludwig Hohl

© by Politika/Belgrad (Политика - Београд)

Wie der Kapitalismus gehärtet wurde

das Reich den Reichen
überreichen den Armen
nur die Arme
reichen für die Träume
keine Räume
räumen
das Leben
eben
heilig
€-eilig

Miroslav B. Dušanić

субота, 17. новембар 2007.

Anni-Lorei Mainka: peitsche deine inspiration (unbekannterweise an Aglaja Veteranyi)

«Solange ich verletzlich bleibe,
kann ich weiterschreiben.»
- Aglaja Veteranyi


Eine Schriftstellerin, ein Schriftsteller lebt nach ihrem Tod in ihren Werken weiter, heißt es – in den Gedanken, in den Phantasien ihrer Leser. Es gibt noch eine weitere Art, wie Geschriebenes weiterlebt: indem andere Schreibende es aufnehmen, verwandeln und auf ihre je eigene Weise weiterdenken.
- Rudolf Bussmann und Martin Zingg (drehpunkt Nummer 114)


Aglaja Veteranyi

peitsche deine inspiration
(unbekannterweise an aglaja veteranyi)

peitsche deine inspiration
sagte sie

peitsche deine träume
erwürge sie
und klebe ihre leichen an die decke

verlasse dein zuhause
verlasse deine eltern und kinder
für immer
sagte sie

über den höllenrand
durfte ich sie betrachten
für immer
wie sie meine eltern und kinder
liebte
meine erinnerung
peitschte

in dem haus meiner träume

eines tages
hing sie an der decke

erwürgt

am hacken meiner inspiration

Anni-Lorei Mainka
juli 2004/köln
___________________________________________
das Gedicht hat den Lyrikpreis der Bibliothek der Deutschsprachigen Lyrik 2005 gewonnen...

Photo: Aglaja Veteranyi (1962 - 2002)


ich empfehle ihre Bücher:

Warum das Kind in der Polenta kocht. Roman, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1999.



und Das Regal der letzten Atemzüge. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/ München 2002.

Am 3. Februar 2002 verübte die Autorin und Schauspielerin Aglaja Veteranyi Selbstmord. In ihrer Hinterlassenschaft hat sich ein Buch gefunden, „Das Regal der letzten Atemzüge“, das nahtlos an ihr Debüt „Warum das Kind in der Polenta kocht“ anschliesst.



Aglaja Veteranyi

Ana lebt

Die Ana in Ana wackelt.
Sie fällt nach links, nach rechts, in den Arm, in ein Bein, ins Auge.
Ana weint lange Tränen.

Das Gesicht tut weh.
Die Augen.
Die Zunge.
Das Wetter.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.

Wenn das Glück nicht kommt, nimmt Ana eine Pille, die ihr sagt, dass sie glücklich ist.
Wie ist das Glück klein, dass es in einer Pille Platz hat, denkt Ana.

Ich bin eine ganze, sagt Ana zu Ana.
Ana fällt vom Stuhl.
Ana fällt die Jacke aus der Hand.
Ana fällt ein Wort aus dem Mund.

Ich bin eine ganze, sagt Ana zum Spiegel.
Im Spiegel ist ein Gesicht.

Ana legt sich hin.
Ana steht auf.
Ana öffnet das Fenster.

Im Spiegel wartet das Gesicht.
Ana friert.

Ana zieht sich die Jacke an.
Ana zieht sich die Decke an.
Ana zieht sich den Schlaf an.

Ana hat die Aubergine gegessen.
Die Aubergine war klein und breit und hiess Ana.
Sie hatte ein Gesicht und lachte.
Sie hatte ein Grübchen.
Sie hatte Zähne.
Sie hatte einen lieben Gott im Auge.
Sie hatte ein Pipi, eine Mutter und eine Decke.
Ana lacht sich aus dem Schlaf.

Das Zimmer ist abwesend.

Anas Haut ist schnell geworden.
Ana hat die Angst gegessen.
Ana hat den Tod gegessen.

Der Tod ist lang.
Er liegt auf Anas Gesicht und schläft.

Miroslav B. Dušanić: Auf-bruch

Мирослав Б. Душанић
Auf-bruch

In der Einsamkeit
erkannt
wie wenig Glut
gerettet

Miroslav B. Dušanić

петак, 16. новембар 2007.

Dagmar - Eva Mempel: Lyrik

jetzt befürchte ich
ihr gedicht
könnte mich
von innen belagern 

Miroslav B. Dušanić


Capriccio, 2nd © 2007 by Richard Bram

exil
 

ein nest schwebt
ganz im wurzellos
befremdlich doch
duftet die heimat
unerreichbar rollt
eine träne in
die sehnsuchtshand

Dagmar - Eva Mempel

четвртак, 15. новембар 2007.

уторак, 13. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: 03. 08. 2000 in Eschwege

Miroslav mit der Rose
Der Mensch ist immer allein
ohne sicher zu sein
ob hervorgebrachte
und gelebte ausreicht
für das Licht nach dem Tode

Miroslav B. Dušanić
_________________________________________________________________
 
oh pierrot geschminkt
mit weißer rose
wie macht das leicht:
applaus

oder wenn die maske
fällt das gesicht auseinander
die wildgänse reisen
in länder die fehlen
gru gru – rufen sie
und alles geht seinen lauf

Elsa Rieger

понедељак, 12. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Wenn wir uns zueinander hinwenden

© 2001 by Pia Kolle
Wenn wir uns zueinander hinwenden

Die Augen schlitzen wir auf
und durch
mit Kälte in dem Kopf

Die Augen schlitzen wir auf
und durch
in der Tiefe angerührt

wir legen Messer beiseite
und sehen
was ihr nicht seht

Miroslav B. Dušanić

недеља, 11. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Ohne Stimme

Мирослав Б. Душанић
Ohne Stimme

Der graue Himmel
erblasst
dein Lippenrot

Auf diesen Tönen ruht
der Reiz
meines Blickes

Bis die Springflut
stillen Horizont
überschwemmt

Miroslav B. Dušanić

субота, 10. новембар 2007.

Ute Lemper : Blume (von Paul Celan)




Der Stein.
Der Stein in der Luft, dem ich folgte.
Dein Aug, so blind wie der Stein.

Wir waren
Hände,
wir schöpften die Finsternis leer, wir fanden
das Wort, das den Sommer heraufkam:
Blume.

Blume - ein Blindenwort.
Dein Aug und mein Aug:
sie sorgen
für Wasser.

Wachstum.
Herzwand um Herzwand
blättert hinzu.

Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer
schwingen im Freien.

Paul Celan
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Manchmal, wenn ich dann laut zu lesen beginne, wird aus den Sätzen ein Klang und das Gedicht wird körperlich wahrnehmbar und durch die Melodie der Sprache kann ich die Verse begreifen. Manchmal passiert es dann, dass ich die Sprache erfahre wie eine Berührung. Der Klang, der Rhythmus verwandelt die Wörter in Bilder und die Bilder werden ein Erlebnis und führen in eine andere Welt.

Miroslav B. Dušanić

петак, 09. новембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Durchaus surrealistisch

Max Epstein "The birds"
Durchaus surrealistisch aber wahr
wie auf dem Altar meiner Verse
ein blasser Tropfen Bluts

In diesem Gedicht
marschiert
warmes Gefühl auch
in den Sternen
über die rote und
braungelbe Landschaft
amüsiert des Mondlichts
bleiche Blüten leise
bewegt ihren Strom
so fiebernd übergroß
steigt ein Duft
unsichtbar
durch die Finsternis
starrt empor
in Todesängsten
tönt gedämpft
durch alle Sinne wieder
und so geht es
giftgeschwollen weiter
aus meinem
nachtumrahmten Fenster

Miroslav B. Dušanić