петак, 9. фебруар 2007.

Exillyrik


Servus Miroslav!

Es ist ja nichts Alltägliches, sich in einem Gedicht – mehr denn je sogar im Titel, als wie manchmal üblich in einer Widmung – wiederzufinden. Herzlichen Dank!

Ich kenne und schätze diese Lyrik, und nicht nur weil ich in ihr eine Fortsetzung der deutschen Exilliteratur sehe. Sie scheint mir auch mehr als ein Kometenschweif einer schmerzhaften, aber literarisch umso produktiveren Zeit der deutschen Literatur zu sein. Dazu sind diese Verse zu tiefgehend. Der von ihnen verkörperte Schmerz kann nur als Resultat seelischer Konvulsionen, aber nie als künstlerischer Gegenstand empfunden werden. Ich wage einfach die Behauptung, dass auch Menschen ohne Exilerfahrung beim Lesen dieser Gedichte – nicht nur des einen - so oder zumindest so ähnlich empfinden könnten. Wir befinden uns schlicht und einfach im „weiten Feld“ der deutschen Gegenwartslyrik, hier speziell jener „von den Rändern“, wie sich ein ZEIT-Kolumnist kürzlich ausdrückte.

Bei mir tritt im Beisein dieser Verse das Verständnis in den Vordergrund. Als Aussiedler kann ich intuitiv die Beweggründe für eine solche Lyrik begreifen, obwohl ich zum Mitfühlen meine Phantasie schon ein wenig bemühen muss, wobei ich die Verse eines Miroslav Dusanic von jeder billigen Gefühlsduselei freigesprochen wissen will. Begründbar ist dieses „nur bedingte“ Mitschwingen im sentimentalen Bodensatz einer solchen Lyrik – worin eigentlich ihre Andersartigkeit ruht – einfach durch den Unterschied der Realitätswahrnehmung eines Aussiedlers (zu denen ich mich rechne, wobei ich auch hier unter den Nostalgikern und den Realisten unterscheiden will) und eines Exilanten.

Tod, Himmel, Lyrik und Schweigen können durch wenige Verbindungswörter nur dann zu einer Gefühle auslösenden Symbiose gedeihen, wenn sie einem tiefen Schmerz des Verlustes entspringen. Man darf mir das wirklich glauben, ich kann das ohne besondere Anstrengung (mit dem erwähnten Phantasieimpuls) nachempfinden. Es ist ein ehrliches Tangieren eines Gefühls, das ich besonders bei älteren Menschen aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis kenne: die bis ins Verklärte steigerbare Sehnsucht nach einer verlustig gegangenen Heimat.

Nein, nicht der Ort oder im weiteren Sinn der Raum, ob Bukowina oder Bosnien, brachte eine Rose Ausländer zum Schreiben und treibt einen Miroslav Dusanic zur Feder; es ist der Verlust des Raumes, der Lyrik gebärt. Europa, die alte Dame, ist an den Grenzen der Bukowina und an jenen Bosniens angekommen und wird auch diese Regionen eines Tages zu ihrem Völkerreichtum zählen. Die deutsche Literatur könnte dann aber um einen gefühlsbetonten Themenkomplex ärmer werden.

Anton Potche

Sara Dušanić - Lyrik

Sara Dušanić

среда, 7. фебруар 2007.

Miroslav B. Dušanić: ***


***

In deiner Sprache die Welt
im tollen Toben — abends
da bin ich
auch zu Hause

verreckt in Giftgischt
von Behemoths Mund

Miroslav B. Dušanić

уторак, 30. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Die Wahrheit des Augenblicks

Isidore Opsomer (Belgien, 1878 - 1967)
A view of the Rokin, Amsterdam

Die Wahrheit des Augenblicks

Die Spuren sind verraucht.
Das getaute Abendrot tropft mir in die Augen.

Miroslav B. Dušanić

субота, 27. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Fragen an Theodor Kramer

Das Getier erstickt den stillen Schrei © by Viktoria Weihman - Vicky
Fragen an Theodor Kramer

wer läutet draußen
an der tür — nichts gibt es hier
nur ich — ohne
jeglichen grund müde
/wollte schlafen gehen/

wer ist da — was fehlt ihm
birgt er einen zauber
wenn mich jetzt das schicksal trifft
wer bin ich dann — wofür wäre
meine seligkeit verspielt

Miroslav B. Dušanić

петак, 26. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Inmitten des forttobenden Sturmes

© by Marianne McCoy

Inmitten des forttobenden Sturmes
schwer und trunken
im schein der blitze
lege ich dir meine augen
in den schoß - singe ein neues lied

der rest ist obszön:

für das leichentuch
dein leib - groß genug
lässt sich träge fallen
in den sessel nässt
tinte auf den strich

keine birke - unters hemd
kriecht die kälte

Miroslav B. Dušanić

четвртак, 18. јануар 2007.

Branko Andrić Andrla: Zwei Gedichte

* 09. April 1942 - † 20. Oktober 2005


Ich und die Wand

Ich beobachte eine Wand
Die Wand ist groß
Und solide gebaut
Etwa zwei Meter hoch
Aus roten
Mit grauem Mörtel verklebten
Ziegel
Teilweise durch Regentropfen nass
Und teilweise durch den Wind getrocknet
Das Foto ist technisch gut
Gelungen und sehr farbenecht
Und scharf
Das ist eines meiner schönsten
Portraits.


17. 08. 2005

Branko Andrić


Fotografie: Miroslav B. Dušanić

Miroslav B. Dušanić: Jeden Tag im Exil

Мирослав Б. Душанић

Jeden Tag im Exil
ein Gedicht
als Sarg
und
Heimat

Miroslav B. Dušanić

понедељак, 15. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Wo bleibt das wärmende Licht

Irritation in Rot © by Viktoria Weihmann - Vicky
wo bleibt das wärmende Licht
oh gierige rote Viper

getrieben von eisigen Winden
krieche ich auf brüchigem Eis
schweigend

frierend in meinen Händen
dein Gemüt scheint wie jener Frost
wartend

streck mir deine Hand
in dieser felsigen Landschaft

streichle meinen Körper
erlöse mich von dieser Qual

Miroslav B. Dušanić
/ im Gedenken an den Lyriker Georg Heym, der 1912 auf der Havel auf tragische Weise ums Leben kam /

Miroslav B. Dušanić: Eisiges warten

Мирослав Б. Душанић
Eisiges warten

nun schaust du ins bild: eisvogel-aufschrei
in den fensterrahmen eingespannt
— zerrinnt in deinem atem

Miroslav B. Dušanić

субота, 13. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Und siehst du: so habe ich sie erkannt

Rail Road © by Fabrizio


und siehst du: so habe ich sie erkannt
anders als man will und meint


das kind - ein wenig unsanft schob sie
zur seite
am zug nach köln erwartend
schluckte heftig die tränen
herunter - vielleicht suchte sie trost
in den gedanken - wortlos

und plötzlich der regen
zerfloss festgetretene spuren


und siehst du: so hat sie mich erkannt
anders als man will und meint


in grau sah ich die häuser meiner stadt
bald nahte die bahn - wie damals
im inneren blieb ich doch entzweit
„fort aus dem land - der stadt
fort von daheim“
riefen fremde stimmen - unheimlich

und plötzlich ein leichter wind
kämmte ihr haar


und siehst du: so haben wir uns erkannt
anders als man will und meint


den nachmittag am bahnhof - ein lächeln
dorthin und niemand sah
wie unecht es war - wir konnten uns beide
daran erinnern und wenn wir wollten
es unseren kindern erzählen
zu hart hat uns die mühe verbraucht

und plötzlich ein einsamer vogel flog in
den süden hinunter


Miroslav B. Dušanić

петак, 12. јануар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Lebens Auffassung - Brief an Thomas Schulz

Thomas Schulz bei der Lesung in Erding © by Heinz Kurt Rinteln
Lebens Auffassung  — Brief an Thomas Schulz

ich träumte: der zug fährt nicht weiter
hin zu der morgenröte

bei ankündigung der endstation
sisyphos — nicht älter als du —
wird kurzatmig

aus liebe
hole ich keine hilfe ein

jedoch heute — um wiedergutzumachen —
trage ich zum grabe seinen stein

Miroslav B. Dušanić

Thomas Schulz sagt von sich: „Mit meinen Texten gehe ich Schritte auf mich selbst zu. Das Schreiben begann, als ich spürte, wie weit ich von mir entfernt war. Wie wenig ich von meinen eigenen Wünschen, meiner Empfindlichkeit und dem wusste, was ich wollte.“
 


Quittung

Wer
das Herz
und
die Seele
zur Schau stellt

muss

damit rechnen,
dass sie mit

Wortdolchen

durchbohrt
werden.

© by Thomas Schulz

Miroslav B. Dušanić: Könnten sie es mir sagen


Könnten sie es mir sagen

warum bin ich allein herr auer
wie wäre die welt
dann
ohne mich

ich hab einen mund
und papa
und mama
und ihre verwandte

warum bin ich so fremd
und
unheimlich
unbekannt

o mann
o mann
o mann
wie trocken ist der staub

Miroslav B. Dušanić