среда, 30. јануар 2008.

Anna Achmatova liest ihr Gedicht "Die Muse"

Anna Achmatowa

Die Muse

Wenn ich des nachts auf ihren Eintritt warte,
Hängt mein Leben, scheint's, am seidnen Faden.
Was sind Ehren, Jugend, was ist Freiheit
Vor dem lieben Gast mit seinem Pfeifchen.

Und da ist sie. Schlägt zurück die Decke,
Schaut mich aufmerksam betrachtend an.
Und ich frag sie: »Gabst du Dante ein
Die Seiten des Infernos?« Antwort: »Ja.«

(März) 1924
Petersburg, Kazanskaja 2



Муза

Когда я ночью жду ее прихода,
Жизнь, кажется, висит на волоске.
Что почести, что юность, что свобода
Пред милой гостьей с дудочкой в руке.

И вот вошла. Откинув покрывало,
Внимательно взглянула на меня.
Ей говорю: «Ты ль Данту диктовала
Страницы Ада?» Отвечает: «Я».

(Март) 1924
Петербург, Казанская, 2

Miroslav B. Dušanić: Statt des Gedichts einen Brief

Henry Fox Talbot - (primer negativo de Talbot), 1835
Statt des Gedichts einen Brief

kein gedicht
ich schicke dir einen brief
damit dir zeit nicht lang werde
einen brief und strick
mit dem mich feinde gefesselt
ich bin nackt
in einer harten zeit
vor meiner zelle ein wächter
schlicht gelangweilt
aber seine augen
leuchten wie blitze
draußen setzt der wind
ohne mich seinen weg fort
nein erwarte mich nicht
ich strebe nicht nach freiheit
ich bin zu müde
um wieder gejagt zu werden

Miroslav B. Dušanić

уторак, 29. јануар 2008.

петак, 25. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Und doch...

und doch...

„die dichtung auf zungen“
verzehrt mich

sieh nur:

gestorben sind die küsse
und niemand ist da
ringsum nur worthaufen
liegen in der luft

Miroslav B. Dušanić


© by Danilo Vuksanović


bin in den mauern
war da immer
trocken
in haut
die sich
wie einsamkeit
an seiner reibt


© by SuMuze

Miroslav B. Dušanić: Tod des Bürgers Milutin K.

Zmartwienie © by Adam Sommerfeld
Tod des Bürgers Milutin K.

Er schloss Augen in aller Stille
ohne Ungeduld und Eile
um endlich die ausgesetzten
Träume abzuwarten

Miroslav B. Dušanić

уторак, 22. јануар 2008.

недеља, 20. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: In meinem heutigen Leben


in meinem heutigen leben
kein blumentopf
auf dem fenstersims

der balkon: nur deponie
für ausgeleerte träume

aufgespießte erdbeeren schreien
seit vorgestern auf meinem teller

- die kälte in der luft -

ich sehe zum fenster hinaus
auf die straße
und alles leer

die nacht verschlingt
nicht nur die stadt
sie beißt mich sehr

Miroslav B. Dušanić
/Ausschnitt aus "Stadtlieben"/

петак, 18. јануар 2008.

Peter Turrini

geb. 1944 in St. Margarethen in Kärnten/Österreich; freiberuflicher Schriftsteller

Ich möchte meine Feinde solange lieben bis sie unter meiner Liebe zusammenbrechen. - Ich möchte meiner Freundin solange verzeihen bis sie an ihrer Schlechtigkeit verzweifelt. - Ich möchte meinen Freunden solange helfen bis sie ihre Unfähigkeit einsehen. - Ich möchte mit allen Mitteln ein guter Mensch sein.
Peter Turrini

Peter Turrini


Das Nein
das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verläßt
als freundliches Ja
meinen Mund.

@ Peter Turrini
/Ein paar Schritte zurück, Verlag AutorenEdition - München, 1980./

уторак, 15. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Ich

Мирослав Б. Душанић

ich
                  ich bin groß
                  ich enthalte vielheiten
                               walt whitman
 
ich weine nicht zwischen den zeilen
oder um gottes willen nur zuhause
ich habe keine geheimnisse
ich bin groß
ich enthalte vielheiten

ich weine öffentlich und träume klar
neben schwarze auch weiße katze
und leere sowie volle flasche
halte ich aus
in den grauen wintertagen

ein anderer geht unter aber nicht ich
es gibt kein grund dafür
ich bete und hoffe für alle
und winke auch den fremden
beantworte ihre fragende berührung

wie solle man anders von mir erwarten
ich bewahre es für jeden nur einzelne tränen
als unikate und bereue nicht
ich bin groß
ich enthalte vielheiten

Miroslav B. Dušanić

понедељак, 14. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Es wird erzählt: es war mein Leben


es wird erzählt: es war mein leben

eine offene wunde bleibt
und ferner ein täter
schlängelt weiterhin
durch mein leben

die welt hinter dem fensterglas
hat sich nicht geändert
und alles was ich kenne und weiß
rauscht in den zerstörungen

nichts darf ich fordern
nur tage und nächte sortiere
meine träume und stürze
kopfüber wie daiva čepauskaitė
in immer denselben himmel

Miroslav B. Dušanić

недеља, 13. јануар 2008.

Alberto Manguel

Alberto Manguel

Wahres Erleben und wahre Kunst (mag diese Adjektiv auch noch so unbequem geworden sein) haben eines gemeinsam: Sie umfassen immer mehr, als wir begreifen, mehr sogar als unsere Begriffsfähigkeit. Ihre Dimensionen liegen immer ein wenig, außerhalb unserer Reichweite, wie es die argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik einmal beschrieb:

Und wenn die Seele fragen würde, um wie viel
                                                               weiter?
Müsstest du antworten: bis zum anderen Ufer
                                                      des Flusses,
aber nicht dieses Flusses, sondern des Flusses
                                                               danach.

Alberto Manguel

Auszüge aus dem Gemeinschaftsprojekt: Stadtlieben

küssen wollt unter zweigen ich
- einatmen dich als blütenduft

so long baby - sagst du
versenkst in hosentaschen
deine hände

- gutgelernte tanzschritte

zwischen bougainvilleas
verschwindest du - ich schüttle den kopf

© by Elsa Rieger

© by Keiko Kimoto

drei antworten

es war kalt: bei solcher nachtluft
frieren auch meine hände

hast du die traurigkeit gerochen
luftig breitete sie sich aus - zu laut und zu heftig

manche kehren wieder aus dem traum
- unbestellt -
und lieben noch mehr

Miroslav B. Dušanić

субота, 12. јануар 2008.

Ralph Waldo Ellison

 01. März 1914   16. April 1994 

For if the word hast the potency to revive and make us free, it has also the power to blind, imprison and destroy.
Ralph W. Ellison

Denn wenn das Wort die Macht hat, uns zu beleben und freizumachen, hat es auch die Macht zu blenden, gefangen zu setzen, zu vernichten.
Ralph W. Ellison 

петак, 11. јануар 2008.

Kommentar

Wenn ich nicht wirklich wäre,
dann könnte ich auch nicht weinen.

Lewis Carroll (Charles Lutwidge Dodgson)

© by Laphael Wang - i See

Seltsam: die Leute lachen
und verstehen es nicht.

Miroslav B. Dušanić

Ausschnitte aus meinem "nachlass von lucas"

© by Dragan Marković
als die nacht herabkam
grässliche dämonen
im orgienrausch zerfraßen
verbliebene himmelbläuereste

und kreisen und drehen sich
meiner möbel alle geometrische
formen - ineinander fließen
zylinder - gerade - kreis
kegel - oval...

dem leid kein ende
verbannt bin ich - mein bett
im dunst des schwefels
eine einsame insel
von drachen bewohnt

hinunter mit mir im abgrund
zu den raubvögeln
zum teufel
in die tiefe mit mir
fessele mein herz
befreie mich von qual

Miroslav B. Dušanić
/Ausschnitte aus meinem "nachlass von lucas"/

четвртак, 10. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Ob


ob beim totenstilleeintritt
flüsse
zurückfließen

was sollen wir
mit den wasserschlangen
mit den ertrunkenen - ihre
testamente sind nun geschrieben

(...)

als die nacht herabkam
zählte ich alle meine freunde
- ah! so wenige noch...

Miroslav B. Dušanić
/aus dem "nachlass von lucas"/

среда, 09. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Aus dem "nachlass von lucas"

Peter Alexander - Santa Cruz Cirrus
als ich heimkehrte
kehrte alles vergangene
zurück - mich kannte
niemand mehr

als die nacht herabkam
traurige laternen warfen
ihr träges licht
auf meine spuren

Miroslav B. Dušanić
/aus dem "nachlass von lucas"/

субота, 05. јануар 2008.

Данас Витлејем прима сапрестолног Оцу

„...Данас Витлејем прима сапрестолног Оцу,
данас анђели богољепно славе
МЛАДЕНЦА кличући:
СЛАВА БОГУ НА ВИСИНАМА,
НА ЗЕМЉИ МИР,
А МЕЂУ ЉУДИМА ДОБРА ВОЉА."

"...Today Bethlehem receives Him Who is
co-enthroned with the Father,
Today angels marvelously praise
the New Born Child exclaiming:
Glory to God in the highest
and peace on earth;
good will among men."




СРПСКА ПРАВОСЛАВНА ЦРКВА

Miroslav B. Dušanić: Ein gewöhnlicher Traum

Sandor Feltoti - No. 46.
ein gewöhnlicher traum

dort wo nichts wächst
- nur dort
ertönen meine schreie

rotgrau – sandrot

ein lavastrom stürzt sich
dem boden entgegen

- in tränen
begräbt deine hände

derweil ein skorpion
- unersättlich -
das blau verschlingt

Miroslav B. Dušanić

петак, 04. јануар 2008.

среда, 02. јануар 2008.