1
* 21. August 1934   † 21. Februar 2006
(Sie haben Ihre Poesie einmal als «sakrale Handlung» bezeichnet. In welchem Verhältnis steht die Poesie zur Religion, kann sie die Religion ergänzen oder sogar ersetzen?)

Das ist eine Gewissensfrage und vielleicht sogar die wichtigste Frage des Menschen im Leben. In den letzten Jahren haben mich religiöse Fragen dringender denn je beschäftigt. Eine prätentiöse Antwort kann man schnell finden, das ist aber das Einfachste und Schlechteste in der Kunst. Ich versuche trotzdem zu antworten. Vor etwa zwanzig Jahren las ich eine Arbeit über das Verhältnis afrikanischer Völker zum Wort. Es gibt dort Tabuwörter, die man nicht aussprechen darf, Wörter von ungeheurer Kraft, mit denen man sehr sorgfältig umgehen muss. Bei den Tschuwaschen gilt dasselbe Verhältnis zum Wort. Kleine Kinder, die unbedacht sprechen, werden ermahnt: «Halt inne, schau die Sonne an und bedenke, was du eben gesagt hast.» Auch ich bin in dieser Haltung erzogen worden.

Ich kann und will mein Verhältnis zum Wort nicht ändern, obwohl die Wörter überall eingeebnet und überhaupt nicht so eingesetzt werden, wie sie gewissermaßen erschaffen sind. Die Poesie kann die Religion weder abschaffen noch ersetzen. Religiöse Empfindungen sind für mich die höchsten Gefühle. Das Gebet stellt den schwierigsten Zustand des Menschen dar, weil er dann sprachlos ist. Ich habe einmal ziemlich schroff und vielleicht auch zu direkt gesagt, dass der Dichter auf der vorletzten Stufe der Wahrheit steht, der nächste Schritt würde ihn zum Mönch, zum Heiligen machen. Auf keinen Fall darf er aber auf diese nächste Stufe Anspruch erheben, denn dort endet die Poesie, dort endet das Wort. Max Jacob hat das in einem Brief an einen Dichter so formuliert: «Versuchen Sie, Ihre Fehler zu behalten.»

Hohe religiöse Dinge können in der Kunst nur ausgesprochen werden, wenn der Dichter eine alles ausschließende Glut erreicht, in der man leicht auch über diese Grenzthemen sprechen kann. Das kommt sehr, sehr selten vor. Wenn man sich aber in diesem Zustand befindet, dann weiß man, dass man das Recht und die Kraft dieser Glut besitzt – und dass dies ein natürlicher Zustand ist. Darin liegt die Rechtfertigung des Dichters. Man kann diesen Zustand zwar auch imitieren, aber das wäre eine schreckliche Lüge, und etwas Schlimmeres ist kaum vorstellbar.

Gennadiy Aygi
/Montag, 02.06.1997 Nr.124 - Copyright © by Neue Zürcher Zeitung AG/

Постави коментар Blogger

Stefan Wehmeier је рекао... понедељак, јун 25, 2012

Auferstehung

1. Jeder, der den Erkenntnisprozess der Auferstehung noch nicht durchlaufen hat, ist religiös, unabhängig von "Glaube" (Cargo-Kult) oder "Unglaube" (Ignoranz).
2. Alle religiösen Menschen sind wahnsinnig.
3. Der Wahnsinn ist umso größer, je höher die "gesellschaftliche Position".

http://www.juengstes-gericht.net

 
Top