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© Archiv: Zadužbina Miloša Crnjanskog, Belgrad
»Ein Irrtum (unter vielen) ist also, dass die vergänglichen Menschenwerke in Deutschland farblos, düster und verschwommen sind. Im Gegenteil, sie sind voller Farben und von äußerst intensiver Wirkung. 
Der erste Eindruck ist: die Erde, die Felder, die Äcker sind dabei zu verschwinden, die Städte, die Werke von Menschenhand, sind schon derart zahlreich und dermaßen mit dem Verkehr und der Industrie verbunden, dass das deutsche Land nicht mehr vom Willen Gottes, sondern vom Profil der Arbeit geprägt ist. 
Regen, Sturm, Schneegestöber im Wald; die ersten Frühlingstage mit ihrer milden Sonne und sprießendem Gras zwischen kahlen Sträuchern, auf denen der Schnee schmilzt; lange Pappelreihen; das alles ist nur Zufall, nicht das Wesentliche. Die tiefen Gründe bewaldeter Täler; das dunkle Röhricht um die Seen, wo die Spinnen ihre Netze weben; die Hochebenen, auf denen sich die Kornähren im Wind biegen; die Berglichtungen und die vereisten Höhen, zu denen die Deutschen nach Feierabend massenweise strömen, das alles sind nur Ausflüchte aus einem Leben, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. 
Geräuschlos im Auto brausend oder auf surrenden Fahrrädern bringt man seinen Körper hinaus in die Natur, aber das hinterlässt in der Seele nicht die gleichen Spuren wie ein langes Leben mit Bergen und Feldern, mit Viehherden und Ameisen, sondern lediglich den Eindruck von etwas Verlorenem und Künstlichem, von etwas melancholisch Bukolischem. 
So haben auch das deutsche Dorf und das Leben auf dem Lande an Bedeutung verloren, diese einstigen Quellen vieler Erkenntnisse und sinnlicher Freuden, mit denen sich nur noch die Ursprünglichkeit reicher flämischer und böhmischer Dörfer messen konnte. Die deutschen Dörfer sind nicht mehr ausgelassen in ihren Festen, noch besitzen sie die Kraft mystischer, in der Gemeinschaft bezeugter Gottergebenheit. Auch ihre Brunnen, ihre Friedhöfe, die spitze Gotik ihrer Kirchen entzücken nicht mehr. Vergessen sind die Tänze auf dem Dorfanger, und selbst die Schaf- und Rinderherden haben nicht mehr die Bedeutung des Lebensnotwendigen, die Hochzeiten und Beerdigungen haben die Schönheit der Bilder eingebüßt, die im Abenddunst den Glanz des Unsichtbaren verkörperten. Die Dörfer werden nun erdrückt von den Schildern ihrer kleinen Banken, von den Antennen auf den Dächern und von grässlich angestrichenen Kinos.«  

Miloš Crnjnski
 
ISBN: 3866601085

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