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...als mir ein liebstes starb,
schwebten mir
tröstende gedichte ins haus
in allen formen,
auf getrockneten blättern geschrieben,
auf handgeschöpftem papier,
auf karten, in büchlein gedruckt,
mit bildern, gemälden und fotos,
von im wind sich wiegendem getreide,
von flüchtigen wolkengebilden,
die der unendlichkeit zustreben.
in allen zeilen war ein leises mahnen,
dass ich nicht verzagen solle,
weil er in allen zweigen sei,
in jedem wispern der gräser,
in jedem bewegten bild,
in jedem stillen augenblick,
in jedem murmeln des baches,
in jedem vogelgesang,
in jedem luftigen hauch,
weil er in allen dingen sei,
aus allen dingen zu mir spreche,
jetzt und immer, und immer dann,
wenn mich die sehnsucht übermanne,
wenn traurigkeit mich zu ermatten drohe,
dann solle ich nur hineinlauschen,
und alles sei gut.

so lächelte ich und dachte,
dass alle vormals gegangenen
dann auch in allen dingen seien,
und aus allen dingen zu mir sprechen,
und dass auch ich einmal,
in allen dingen wäre,
und aus allen dingen spräche,
zu denen, die hineinlauschen,
die dieser überbordenden,
klangreichen sprachen mächtig,
meine gedanken, mein ich und mein leben,
entschlüsseln und ihren gehalt
aus dem wind und den wolken saugen,
aus dem säuseln und raunen,
murmeln und flüstern
der felder und wälder,
dem sinken des blattes im herbst,
dem flug des schwans,
der sich mit majestätischem schwingen
als weißer strich
zwischen blau und braungrün verliert.

was aber ist,
wenn du lauschst
und ein toben und tosen
durchfackelt den himmel,
wenn ein orkan dich betäubt,
alles was heil und gesund
in fetzen zerreißt
mit stürmischer macht,
wenn im grauen vereint,
wasser und eis,
feuer und fels,
niedergehn mit getöse
und die erde erzittert?

sind das dann schreie?
ist es das höllische kreischen
all jener kläglichen wesen,
welche geschändet, geknechtet,
gequält, gefoltert, getötet wurden,
oder einsam verhungert, erfroren,
ausgesetzt dem elend,
gnadenloser willkür und herrischer macht
eines von mordlust besessenen schicksals?

stießen sie mit dem atemzug, dem letzten,
einen fluch, eine botschaft der qual
in die luft, die sich zusammenbraut,
wenn die wetter sich ballen,
der boden bebt, lawinen rollen,
und die gewalten uns lächerlich
machen, uns, die noch leben,
und zittern vor der erkenntnis.

© by Gabriele Brunsch 2012

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