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* 03. Mai 1924 † 22 September 2000
Luxus 

Mein Onkel ist in Sheikh Bader in Jerusalem begraben.

Mein anderer Onkel, der im Ersten Weltkrieg fiel,
Ist in den karpatischen Bergen verstreut,
Mein Vater in Synhedria, in Jerusalem,

Meine Großmutter auf dem Ölberg,
Und die Eltern all dieser liegen
Begraben in halbzerstörten jüdischen Friedhöfen
In Unterfranken zwischen Wäldern und
An Bächen, die nicht Jerusalem sind.

Großvater, Großvater!, der Du
Jüdische, schweräugige Kühe hattest,
Im Stall unter der Küche,
Der Du um vier jeden Morgen aufstandest,
Ich habe von Dir dieses Frühaufstehen
Geerbt. Mit meinem Munde, noch bitter
Von nächtlichen Ängsten, hege und
Pflege ich meine bösen Träume.

Großvater, Großvater!, Oberrabbiner
Verkauf meine Schmerzen,
So wie Du das gesäuerte Brot
Am Vorabend des Pessachfestes verkauft hast;
So daß die Schmerzen bei mir bleiben und
Sogar weiter schmerzen, aber nicht mehr
Mir gehören, nicht mehr mein Besitz sind.

So viele Grabsteine sind in der
Vergangenheit meines Lebens verstreut.
Namen, eingemeißelt, wie die Namen
Von verlassenen Bahnstationen.
Wie kann ich denn all diese Entfernungen
Mit meinen Wegen überspannen?
Wie kann ich sie alle miteinander
Verbinden? Ich hab' die Mittel nicht,
Um dieses kostspielige Bahnnetz
Zu erhalten: Es ist ein Luxus.

Jehuda Amichai

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