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| © by Inger Carina |
Ein paar private Gedanken zu Gaza
© by Susanne Sarfatti
Im Moment wird hier jede oft gefragt, was sie vom Gaza-Krieg halte bzw. es wird mit der Frage meistens bereits sehr schnell Partei ergriffen. Mehrheitlich für die Seite der Palästinenser. Die Hamas ist zwar auch nicht gerade sehr beliebt, aber das Leiden der Menschen im Gaza-Streifen dominiert die Kritik an ihr. Da mein Urteil von echtem Sachverstand über die Zusammenhänge dort unten nicht minder wenig getrübt ist als das sämtlicher öffentlich-rechtlich, privat-medial oder selbst ernannter Experten, die ich bisher dazu gehört habe - was diese aber keineswegs daran zu hindern scheint, ihre Mutmaßungen als Expertenmeinungen zu verramschen - hier ein paar Punkte, die ich beachte, wenn ich über den Konflikt zwischen den Mächtigen in Israel und den Autonomiegebieten nachdenke:
- Für mich drehen sich alle Konflikte zwischen den beiden Handlungseliten dort unten langfristig ums Wasser. (Hier einige schnell gefundene Links:
Netzwerk Friedenskooperative,
Israels Lebensader,
Kriege um Wasser: Israel und die Westbank. Wer das Wasser des Jordans kontrolliert, kann die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region bestimmen. Kann Landschaften (für die sonnengereiften Apfelsinen) erblühen und andere verdorren lassen. Kann ganze Industrien (die noch mehr Wasser brauchen) großzügig sponsern oder ihnen den Hahn abdrehen. Im Moment kontrolliert Israel den Zugang zu diesem Wasser mit überwältigender Dominanz. Und in den großen Medien kommt kein einziger Journalist auf die Idee, sich einmal eine Wasserkarte der Region dort anzuschauen und auf ihr die aktuellen Grenzen einzuzeichnen.
- Eine offene ökonomische Konkurrenz zwischen Israel und den Palästinensern würde Israel mittelfristig allein schon wegen der stark abweichenden Geburtenraten nicht durchstehen können. Das wäre so, als würden die Billiglohnländer, die im Moment die Renditen des Westens sichern, eben diesen Vorteil abstreifen. Oder als läge Südostasien auf einmal im Atlantik neben Großbritannien. Es würde das ganze System kippen. Eine eigenständige Ökonomie der jetzigen Autonomieregionen würde die jetzige Schieflage bald korrigieren und in ihr Gegenteil umkehren. So würde sie Israel die billigen Arbeitskräfte wegnehmen, auf denen seine Ökonomie beruht, und zuerst in Teilgebieten (Landwirtschaft, soft technologies) und später sicherlich auf breiter Front eine starke, vermutlich sogar überwältigend starke Konkurrenz schaffen. Was alles den Lebensstandard der israelischen Bevölkerung mittelfristig drastisch senken würde. Keine demokratische Regierung in Israel kann das hinnehmen, oder sie würde sich an ihrer Verpflichtung, die von ihr Regierten zu schützen (und dazu gehören neben 'life and liberty' auch 'the pursuit of happiness'), versündigen. Nur eine Fremdherrschaft würde gegen diese fundamentalen Interessen der Bewohner sich durchsetzen können.
- Ein politisches, soziales, ökonomisches und kriminelles Chaos in den Palästinensergebieten ist die einzige akzeptable Chance jeder demokratisch legitimierten Regierung Israels, das Wohlergehen ihrer Wahlbürger so wie bisher auch weiterhin ungeschmälert zu garantieren. Die anderen wären die Installation direkter und dauerhafter Fremdherrschaft oder ein wie immer auch verdeckter Genozid. Jede Regierung Israels muß sich also den Palästinensern gegenüber moralisch schuldig machen, das Völkerrecht mit Füßen treten und die Leiden der palästinensischen Bevölkerung als Mittel der eigenen Verpflichtung ihren Bürgern gegenüber billigend in Kauf nehmen. Ob das periodische Invasionen bedeutet oder mit permanenten Druck und häufigen kleinen Sticheleien abgeht, ist eine taktische Frage. Mit dem Raketenbeschuß kann die andere Seite andererseits jede israelische Regierung jederzeit in die offene Intervention treiben, was in meinen Augen vermutlich eine Strategie der Hamas oder Teilen von ihr ist.
- Die moralischen Qualitäten der führenden Kader eine Befreiungsbewegung unterschieden sich meines Erachtens nicht sehr, und wenn doch, nicht nennenswert positiv von denen eines international agierenden Konzerns, der Landstriche verwüstet und Kinder vergiftet, wenn es anders zu teuer käme. Es mag einzelne Ausnahmen in Form charismatischer und in ihrem Charisma gefangener Personen geben, in der Regel ist ein solcher Kader aber vom Typus des gewinnsüchtigen, machtbesessenen und skrupellosen Tatmenschen. Mit solchen Menschen kann nur aus einer Position der Stärke verhandelt werden, da sie nicht einmal ihresgleichen gegenüber die geringste Verläßlichkeit zeigten oder als Verpflichtung akzeptierten und nur ihren eigenen, im Extremfall unmittelbar persönlichen Vorteil sehen.
- Was die Hamas angeht, würde ich persönlich niemals mit jemandem reden, der Mädchen und Jungen auf Selbstmordmissionen schickt. Ein Mensch, der seinen Kampf nur gewinnen, nur führen und nur fortsetzen kann, wenn er so etwas tut oder billigt, muß diesen Kampf sofort aufgeben. Sich auf Gedeih und Verderb der Gnade eines Siegers auszuliefern, war immer Schicksal der Unterlegenen, wie gravierend auch die Gegensätze der Parteien waren, und ist eine absolut akzeptable und auch sinnvolle (allerdings für den Unterlegenen selten vorteilhafte) Handlungsoption menschlicher Gemeinschaften und Individuen. Wer das nicht tut, ist in meinen Augen ebenso ein Verbrecher wie ein General, der das Land, das seine Armee schützen soll, lieber vernichten läßt, statt angesichts einer entscheidenden Niederlage zu kapitulieren. Und Verbrecher gehören für mich vor Gericht und nicht an den Verhandlungstisch. Das gilt, wie gesagt, für mich als Individuum.
- Trotz allen Chaos existiert auch in den Autonomieregionen eine Ökonomie. Nämlich eine des Schmuggels, der Bestechung, der Protektion, der Vorteilnahme und der Geldwäsche. Die Hamas sorgt sicherlich auch für Kranke, Alte und Kinder, aber sie sorgt ebenso - und ich würde tippen: weitaus besser - für ihre Kader. Dort fließt Geld, und nicht zu knapp, wie jeder weiß, der einmal einen Blick in solche Bewegungen werfen konnte. Und wo Geld fließt, öffnen sich viele gierige Hände. Das schafft ein starkes Interesse an diesen Zuständen. Das Leiden der eigenen Leute hat Kriegsgewinnler noch nie daran gehindert, den Krieg, der sie ernährt, zu fördern oder zumindest nicht zu vermeiden.
Wer kein Interesse hat, sich in den Sumpf dieser Probleme und Abwägungen zu bewegen (und ich kann mich durchaus in jedem der obigen - und noch folgenden - Punkte irren. Ich kann jeden verstehen, der vor der Aufgabe, als Laie in diesem Konflikt Spreu von Weizen zu trennen, die Augen verschließt. Nur sollte er dann nicht als Experte oder Journalist die Klappe aufreißen, sondern es bei privaten Meinungsäußerungen wie dieser hier bewenden lassen und zumindest einmal seine grundlegenden Kriterien der Beurteilung des Geschehens ausführen), wer also sehr verständlich angesichts des übermäßigen Leides nach Mitleid für die Opfer fragt, der sei des Mitleids versichert. Wie es auch den Opfern von Naturkatastrophen zukommt. Dennoch sähe ich hier viel lieber Politiker, Führer des militärischen Zweiges einer Bewegung, Generäle, CEO's und willfährige Legitimationsbeschaffer gleich welcher Couleur und welchen Glaubens mit Phosphorverbrennungen in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern dahin vegetieren als dieMenschen, die jetzt mehrheitlich dort liegen. Aber unter einem Slogan wie 'Die Menschen sollten friedlich miteinander über alles reden und jeden hängen, der das gewaltsam sabotierte' scharen sich nun einmal weder die Massen noch die Mächtigen. Da sind solche netten Slogans wie 'Peace now' und 'Stop the War', die ich mir meistens - zugegeben etwas gemein - als 'Bitte nichts in meinen Augen Böses tun' übersetze, vermutlich unverfänglicher. Zumal ihn beide Seiten sich auf die Schilder malen können, mit denen sie nachher aufeinander los gehen könnten.
Zum Ende noch etwas: ich kenne niemanden, die ein Rezept für die Konfliktlösung hat. Ich denke, ein Prozeß, der die Eliten auf beiden Seiten besticht und ihnen mittelfristig ihre jeweiligen Pfründe sichert - wobei Israel natürlich den Löwenanteil an Reichtum erhalten wird - ist einer, wenn nicht der einzig gangbare Weg. Der aber - wie gehabt - auch schief gehen kann. Deswegen wird jemand mit der Hamas reden müssen, allein schon, um die Kanäle zu erfahren, durch die Geld zu fließen hat, damit es auch bei den entscheidenden Leuten ankommt. Das geschieht vermutlich bereits hinter den Kulissen und es ist gut, daß es nicht an die große Glocke gehängt wird. Ich tippe einmal naiv-verschwörungstheoretisch darauf, daß nahezu alle Beteiligten (vielleicht außer der Hesbollah) grünes Licht dafür gegeben haben, der Hamas auf der einen Seite Angst ums Überleben einzujagen (das macht Israels Armee gerade) und ihr andererseits Belohnungen für ein Wohlverhalten in Aussicht zu stellen (das machen Leute wie Herr Steinmeier oder Herr Sarkozy und nach Herrn Obama's Inauguration sicherlich nachrangigere Leute vom State Department). Denn ringsum halten sich doch alle sehr bedeckt. Der Zeitpunkt war ja auch ideal. Herr Bush muß nicht mehr und Herr Obama muß noch nicht reagieren. Die Aktionen der israelischen Armee im Vorfeld plus die mit fast 100%-iger Sicherheit prognostizierbaren Reaktionen der Hamas darauf kamen pünktlich und wie bestellt. Und das Töten dort unten wird so lange andauern, wie Druck und Lockung noch nicht greifen und wie die Parteien in Israel ihr Handeln noch nicht ausreichend in Wahlerfolge umsetzen konnten. Wir können nur hoffen, das die Hamas billig zu haben ist, damit es mit dem Angstmachen nicht zu lange so weiter geht. Die Wahlwirksamkeit des Schießens auf fremde Staatsangehöriger (der bekannte Maggie-Thatcher-Effekt) scheint in Israel ja durchaus schon zu funktionieren.
Wäre ich Buchmacherin, und wären solche diffizilen Wetten möglich, würde ich Wetten auf das Folgende annehmen:
- es wird über kurz oder lang (allein schon aus Erschöpfung) einen neuen Friedensprozeß im mittleren Osten geben, der wohl den Herrn Obama als großen friedenstiftenden Mentor auf dem internationalen Parkett einführen wird;
- nach diesem Krieg (und seinem militärisch wenig attraktiven Ergebnis) wird in Israel die Bereitschaft in der Bevölkerung wachsen, angesichts der nicht zu beseitigenden militärischen Bedrohung Konzessionen an die andere Seite zu machen, um endlich eine langfristigere Sicherheit zu erhalten, und angesichts des am Boden Liegens des Konkurrenten dafür auch selbst Einbußen wirtschaftlicher Art hinzunehmen;
- nach diesem Krieg werden die Autonomiegebiete und ihre Infrastruktur derart desolat sein, daß jeder Frieden bei den Menschen dort besser ankommen wird als eine Fortsetzung des Krieges, und daß sie auf lange Zeit keine ernsthafte ökonomische Konkurrenz für Israel werden darstellen können;
- die internationale Gemeinschaft (oder irgendwelche Subsamples aus ihr) wird sich stärker finanziell (Wiederaufbau, Bestechung derer, die den Prozeß hindern könnten usw.) und materiell vor Ort (Grenzsicherung etwa) involviert sehen;
- sollte der o.a. Friedensprozeß Erfolg haben, dann vielleicht sogar, weil ein Land wie der Iran mit ins Boot geholt wurde, auf jeden Fall aber, weil die Hamas sich 'arrivierte' (wie zuvor die Fatah) und auf der internationalen Bühne der Mächtigen als neuer Spieler, der ein Volk zum Ausbeuten sein eigen nennen kann, ihre ersten Pirouetten probte;
- sollte er keinen Erfolg haben, stehen Hamas (und ggf. auch der Iran) da wie Afghanistan und die Taliban, was auch nicht schlecht ist, man kann dann um so ungehinderter und berechtigter auf sie einprügeln.
Man könnte das alles auch kürzer ausdrücken:
lachender Dritter ist auf jeden Fall der neue US-Präsident (die Hoffnung der Guten aus dem Norden);
relativ ungeschoren davon kommen Wohlstand und Zukunftschancen Israels;
domestiziert, dafür aber besser ökonomisch abgesichert und insgesamt politik- und gesellschaftsfähiger werden die palästinensischen Machteliten dastehen;
auf recht lange Sicht geschwächt werden die Palästinenser als Ökonomie sein (was neben Israel auch ihren arabischen Nachbarn sicherlich nicht allzu unwillkommen ist).
Oder, ganz kurz: business as usual in the middle east!