Samstag, Januar 31, 2009

20. Todestag von Thomas Bernhard

Am 12. Februar jährt sich der Todestag von Thomas Bernhard zum 20. Mal. In Österreich wurde Bernhard aufgrund seines provokanten Schreibens zur Unperson erklärt, obwohl er viele Literaturpreise erhielt. Heute werden seine Stücke in ganz Europa gespielt.

3sat zeigt das Porträt "Das war Thomas Bernhard - Der Dichter im Gespräch" bereits am Sonntag, den 8. Februar um 10.45 Uhr. Und am Samstag, den 7. Februar steht um 22.25 Uhr in 3sat die Dokumentation "Die Heimatkunde des Realitätenhändlers" von Andreas Gruber auf dem Programm: Der Handelsreisende, Ferkelgroßhändler und Immobilienmakler Ignaz Hennetmair war ein Nachbar Thomas Bernhards und lange Zeit eine wichtige Person im Leben des Schriftstellers. Der Film fragt, weshalb sich Thomas Bernhard gerade Hennetmair als Freund ausgesucht hat. Eine indirekte Antwort darauf geben u.a. Hennetmairs Beschreibungen und Erzählungen.

Thomas Bernhard
*9. Februar 1931 - +12. Februar 1989


© by Erika Schmied / Residenz Verlag

Man kann von einem Augenblick auf den anderen aus der Tragödie (in der man ist) in das Lustspiel eintreten (in dem man ist).
Thomas Bernhard
 

ISBN: 9783701730896

vereinsamt



Komposition mit
Grau, Blau und Baum
Bohren sich Wurzeln
in die Erde wie sich
dürre Zweige in die
Himmel krallen

See-l-astig Horizont
verbunden blauäugig
durch graue Wolken
Decke Wasser gespiegelt
in blauweißgrauer
Harmonie

© by Beatrix Brockman

Freitag, Januar 30, 2009

Album Cover / Plattenhülle

Animal Collective: Merriweather Post Pavilion

ungeduld

© by Luka Ban

ungeduld: ruht in meiner hand
die rasierklinge
die glocke im morgengrauen
erinnert an vernarbte gewebe
und schlägt: bin ich oder nicht
am krankenbett
mit der welt verbunden…

Miroslav B. Dušanić

Samstag, Januar 24, 2009

Friedrich Hölderlin (1770-1843)


Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander

F. Hölderlin


Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander...

ist uns der Augenblick der Pein,
der dunkle, licht erhellt.

Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander...

kehren Gedanken wieder ein,
die vor der Zeit verstellt.

Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander...

scheint Haus und Hof im Glanze
überzuckert in besonderer Weise.

Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander...

weiß ich, die Seele schimmert nur,
die Welt sie bleibt erstarrt im Eise.

© by Gabriele Brunsch

© by umbra

Weiß ich, die Seele schimmert nur,
die Welt sie bleibt erstarrt im Eise,

ist mir ganz gleich wenn ich in deiner Nähe bin.

Weiß ich, die Seele schimmert nur,
die Welt sie bleibt erstarrt im Eise,

geb' ich zum Schutz mein Ego neuen Höhen hin.

Weiß ich, die Seele schimmert nur,
die Welt sie bleibt erstarrt im Eise,

will ich nichts mehr als unsichtbar verschweben.

Weiß ich, die Seele schimmert nur,
die Welt sie bleibt erstarrt im Eise,

bleibt mir verdammt noch mal nicht mehr, als mein kleines Leben zu leben.

© by Fabian Tietz

© by ECO Time

Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander

sind wir geschwind und wie
die Wanderer einander

© by SuMuze

Freitag, Januar 23, 2009

Spirituelle Dimension

© by Matt Jones

Spirituelle Dimension

Eine Täuschung oder ein Artefakt: Ich wollte, ich wäre ein Haus.

Miroslav B. Dušanić
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Wir sind leer geworden, entleert nicht nur von den Stoffen und Dingen, den Waren und Werkzeugen, von Reichtum und äußerem Gut, sondern bitterer und entsetzlicher noch, von unseren Idealen, dem Wunder, dem Glauben und selbst von den Göttern… Wir sind bis auf Grund aller menschlichen Existenz gesunken…
Richard Mattheus, "Dionysos", 07. Mai 1948

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© by Saša Lazarević

Nein, oh, nein,
ein HAUS SEIN?
N I E M A L S !

Wären wir ein Haus,
dann wären wir zumindest von Grund auf statisch,
von der untersten Ebene
bis in die lichteste Höhe des First
abhängig von den Bewohnern
ihrer Zuneigung, ihrer Liebe,
ihrem Kunst- und Sachverstand,
ihrem Geld...

Unser Leben, unsere Belebtheit,
wäre Ausdruck ihres Lebens, ihrer Vernunft,
ihrer Kunstfertigkeit, ihrer Zuwendung...

Ausgeliefert, dem Wetter, dem Sturm,
dem Wasser, der Verrottung, dem Schimmel,
der Nachlässigkeit, der Vernachlässigung,
das sind Häuser, wenn sie die Generationen
wechseln, wenn das Leben in ihnen nachlässt,
still wird...

Ja, wer ein trutziges Schloss sieht,
eine feudale Villa, den Bungalow,
der meint, das wär was,
ja, dieses Haus sein,
mit diesem Glanz, dieser Festigkeit,
diesen Widerstand haben, nach außen hin...

Das trügt mich nicht,
ich vermag reich und mit frischem Atem
immer aufs Neue den Park zu wechseln,
mir meine Umgebung und Inhalte wählen...
ich muss niemanden in mir hausen lassen,
kann die Geister verscheuchen, die
mir die Seelenzimmer belasten mit
ihren Karos und kleinen Mustern,
mit ihrer Sprache, die hager rasselt...

Ein Haus haben, das will ich schon.
Will ihm und würd ihm das Schicksal versüßen,
mit meiner Liebe, solange ich kann,
aber ein Haus - sein? - das will ich niemals!

© by Gabriele Brunsch


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Wenn wir Häuser sind,
Kann sein,
Dass uns die Bewohner pflegen,
Vielleicht auch
Renovieren sie uns kaputt.

Wenn wir Häuser sind,
Werden wir Ruinen. -
Oder stellt man uns
Unter Denkmalschutz?

© by Paul Spinger

Dienstag, Januar 20, 2009

unterwegs 26 & 27

unterwegs
26

im dämmerschein des tages
meine hände ernten licht

Miroslav B. Dušanić

© by kinnas - a house (Haus)

unterwegs
27

kein Wehlaut: die Lichter gehen aus
und das hört nicht mehr auf…

Miroslav B. Dušanić

Montag, Januar 19, 2009

Teofil Milenković (8 years old) - LIVE

Finale from the concert in the Town Hall Belgrade 14 jan '08


Teofil Milenković - V.Monti: Czardas

Ich hinterlasse keine Spuren

© by Javier Gil (2007)
Ich hinterlasse keine Spuren
ich bin ein Flüchtling
ich laufe leise

Miroslav B. Dušanić




















flüchtig sei sein schritt,
flüstert tonlos der flüchtling -
die spur bleibt dennoch...

© by Gabriele Brunsch


Es ist ein Zwischenbericht, der nach einer Endfassung schreit, die dann vielleicht wieder anders sein wird...

"Zwischenbericht vom verzweifelten Versuch den Wert unseres Lebens und Wirkens im Darüberhinaus ein wenig humorvoll - desillusionniert darzustellen!"

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Inmitten: Du! Lebens-Mittelpunkt!
Mit begrenzter Wahrnehmung –
voll reziprok.

In diesem Mini-Zeit-Desaster –
Anfang, Aufbau und Ende,
ist alles drin.

All und alles, Welt und weltliches,
Der Urkern und die Urkraft,
und auch der Geist.

Weil du alles bist, Du bist die Welt,
ist alles so einmalig,
unbeschreiblich.

Was von uns bleibt, ein Häuflein Knochen
nur, vielleicht, verscharrt, verdorrt,
verfault, zu Staub.

Was von uns bleibt, ist Teil der Erde,
immer da, ist niemals weg,
bleibt, immer da.

Hat und bleibt immer gänzlich An-Teil,
unsichtbar, bedeutungslos,
und ist doch da.

Wie mächtig ist die Zeit der Zukunft,
von der wir An-Teil bleiben,
selbst un-bewusst.

Was drüber ist, vom Wind getragen
von Feuer versengt, verkohlt.
Wort – Bild und Klang.

Was drüber ist, Mond und Sonne,
kalt und heiß und Wettersturm.
Und alles Nichts...

Und alles und das Nichts – allnichtig –
wortgedankenleer und unbeseelt,
inmitten: Du!

© by Gabriele Brunsch

Sonntag, Januar 18, 2009

Freitag, Januar 16, 2009

Lebenssinn / El sentido de la vida

© by Rosa de Soto - El sentido de la vida


Rosa de Soto:
- studiert Grafikdesign, Werbung und Medien an der School of Arts and Crafts Murcia
- freikünstlerisch sehr vielseitig: Grafik, Design, Illustration, Musik: Orfeón Murciano Fernández Caballero, Lyrik-Präsentationen…
- mehrere nationale und internationale Ausstellungen und Auszeichnungen


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Legebatterie?

Geboren hinein
in den Käfig
des Al(l)(t)tags
bleiben nur kurze
aufrechte Momente
wenn nicht Höhe-
so doch hohe
Punkte an die
sich später
niemand erinnern
wird...

© by Beatrix Brockman

unbeirrt


unbeirrt

über den tag hinweg
in der stille versteckt

träume

fortschrittlich
oder rückständig

Miroslav B. Dušanić

© by Olafur Eliasson - Take your time

Mag sein, ich verstehe nicht.
Möglicherweise
Bin ich fortschrittlich
Oder reaktionär.

Kann sein, ich denke falsch.
Aber
Ich träume.

© by Paul Spinger


Fort-Schritt?

Fort-schritt,
weg von Visionen,
die wertvolle Tiefe
ans Licht zu bringen?
Und woher diese Tiefe?
Aus den Tiefen
der Träume.

© by Helmut Maier

Donnerstag, Januar 15, 2009

Vilém Flusser: Die Schrift

(* 12. Mai 1920 in Prag, † 27. November 1991)


Tatsächlich geht es beim Schreiben um ein Transcodieren des Denkens, um ein Übersetzen aus den zweidimensionalen Flächencodes der Bilder in die eindimensionalen Zeilencodes, aus den kompakten und verschwommenen Bildercodes in die distinkten und klaren Schriftcodes, aus Vorstellungen in Begriffe, aus Szenen in Prozesse, aus Kontexten in Texte. Das Schreiben ist eine Methode zum Zerreißen und zum Dursichtigmachen von Vorstellungen. Je weiter das Schreiben fortschreitet, desto tiefer dringt der schreibende Reißzahn in die Abgründe der Vorstellungen, die in unserem Gedächtnis lagern, um sie zu zerreißen, zu „beschreiben“, zu „erklären“, in Begriffe umzucodieren.
Vilém Flusser: Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?

Vilém Flusser: Als Sohn des jüdischen Ehepaares Gustav und Melitta Flusser wird Vilém Flusser am 12. Mai 1920 in Prag geboren. 1938 schreibt sich Flusser an der Prager Karluniversität für Philosophie ein, muss jedoch ein Jahr später schon mit seiner Freundin Edith Barth vor den Nationalsozialisten nach London fliehen. Sein Studium setzt er dort zunächst fort, emigriert jedoch 1940 nach Rio de Janeiro. Im gleichen Jahr stirbt Flussers Vater im Konzentrationslager Buchenwald, wovon Flusser jedoch erst am Ende des Krieges erfährt. 1942 werden auch Flussers Großeltern, seine Schwester und seine Mutter in Auschwitz umgebracht. Abgeschlossen hat Flusser sein Studium nie. Trotzdem gilt er als einer der bedeutendsten Medienphilosophen des 20. Jahrhunderts.

Den größten Teil seines Lebens (von 1941 bis 1972) verbringt Flusser, nun mit Edith Barth verheiratet, in Brasilien. Flusser publiziert in portugiesischer Sprache (u.a. in der Revista Brasileira) und wird 1959 Direktor der Radio- und Transformatorenfabrik Stabivolt. Ab 1960 beginnt er sprachphilosophische Vorträge zu halten. 1963 wird Flusser zum Dozenten für Kommunikationstheorie an der Universität São Paulo ernannt. 1964 folgt die Ernennung zum Professor für Kommunikationstheorie an der Fakultät für Kommunikation und Geisteswissenschaften der Fundação A.A. Penteado in São Paulo. 1966/67 hält Flusser als Abgesandter des brasilianischen Außenministeriums Vorträge in Nordamerika (Harvard, Yale, Boston) und Europa. In Deutschland publiziert er während dieser Zeit außerdem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung.

1972 schreibt Flusser täglich Glossen für seine Kolumne „Posto Zero“ (Nullpunkt) in der brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo. Mit seiner Frau Edith siedelt er in diesem Jahr nach Europa um. Es folgen zahlreiche Buchprojekte und Veröffentlichungen in französischer, englischer und später auch in deutscher Sprache, sowie Vorträge, Kurse und Seminare in Frankreich, der neuen Heimat der Flussers. Zwischendurch reist Flusser immer wieder nach Brasilien. 1987 veröffentlicht er das Buch „Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?“. 1991 nimmt Flusser eine Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum an und unternimmt weiterhin Vortragsreisen. Am 27. November, einen Tag nach seinem Vortrag am Prager Goethe-Institut, stirbt Flusser bei einem Verkehrsunfall. Seine letzte Ruhe findet er auf dem Jüdischen Friedhof in Prag.

ISBN 978-3-923283-59-0


Vilém Flusser stellt das Schreiben schriftlich in Frage. Er macht deutlich, welche Rolle der lineare, alphanumerische Code in der westlichen Kultur einnimmt und was wir zurücklassen, wenn wir zu schreiben aufhören. "Nie zuvor ist der Fortschritt der Geschichte so atemlos gewesen wie seit der Erfindung der bildermachenden Apparate. Denn endlich hat die Geschichte ein Ziel, dem entgegen sie läuft, das Ziel, ins Bild gesetzt zu werden."

Mittwoch, Januar 14, 2009

Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis

© by Inger Carina

Ein paar private Gedanken zu Gaza
© by Susanne Sarfatti

Im Moment wird hier jede oft gefragt, was sie vom Gaza-Krieg halte bzw. es wird mit der Frage meistens bereits sehr schnell Partei ergriffen. Mehrheitlich für die Seite der Palästinenser. Die Hamas ist zwar auch nicht gerade sehr beliebt, aber das Leiden der Menschen im Gaza-Streifen dominiert die Kritik an ihr. Da mein Urteil von echtem Sachverstand über die Zusammenhänge dort unten nicht minder wenig getrübt ist als das sämtlicher öffentlich-rechtlich, privat-medial oder selbst ernannter Experten, die ich bisher dazu gehört habe - was diese aber keineswegs daran zu hindern scheint, ihre Mutmaßungen als Expertenmeinungen zu verramschen - hier ein paar Punkte, die ich beachte, wenn ich über den Konflikt zwischen den Mächtigen in Israel und den Autonomiegebieten nachdenke:

- Für mich drehen sich alle Konflikte zwischen den beiden Handlungseliten dort unten langfristig ums Wasser. (Hier einige schnell gefundene Links: Netzwerk Friedenskooperative, Israels Lebensader, Kriege um Wasser: Israel und die Westbank. Wer das Wasser des Jordans kontrolliert, kann die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region bestimmen. Kann Landschaften (für die sonnengereiften Apfelsinen) erblühen und andere verdorren lassen. Kann ganze Industrien (die noch mehr Wasser brauchen) großzügig sponsern oder ihnen den Hahn abdrehen. Im Moment kontrolliert Israel den Zugang zu diesem Wasser mit überwältigender Dominanz. Und in den großen Medien kommt kein einziger Journalist auf die Idee, sich einmal eine Wasserkarte der Region dort anzuschauen und auf ihr die aktuellen Grenzen einzuzeichnen.

- Eine offene ökonomische Konkurrenz zwischen Israel und den Palästinensern würde Israel mittelfristig allein schon wegen der stark abweichenden Geburtenraten nicht durchstehen können. Das wäre so, als würden die Billiglohnländer, die im Moment die Renditen des Westens sichern, eben diesen Vorteil abstreifen. Oder als läge Südostasien auf einmal im Atlantik neben Großbritannien. Es würde das ganze System kippen. Eine eigenständige Ökonomie der jetzigen Autonomieregionen würde die jetzige Schieflage bald korrigieren und in ihr Gegenteil umkehren. So würde sie Israel die billigen Arbeitskräfte wegnehmen, auf denen seine Ökonomie beruht, und zuerst in Teilgebieten (Landwirtschaft, soft technologies) und später sicherlich auf breiter Front eine starke, vermutlich sogar überwältigend starke Konkurrenz schaffen. Was alles den Lebensstandard der israelischen Bevölkerung mittelfristig drastisch senken würde. Keine demokratische Regierung in Israel kann das hinnehmen, oder sie würde sich an ihrer Verpflichtung, die von ihr Regierten zu schützen (und dazu gehören neben 'life and liberty' auch 'the pursuit of happiness'), versündigen. Nur eine Fremdherrschaft würde gegen diese fundamentalen Interessen der Bewohner sich durchsetzen können.

- Ein politisches, soziales, ökonomisches und kriminelles Chaos in den Palästinensergebieten ist die einzige akzeptable Chance jeder demokratisch legitimierten Regierung Israels, das Wohlergehen ihrer Wahlbürger so wie bisher auch weiterhin ungeschmälert zu garantieren. Die anderen wären die Installation direkter und dauerhafter Fremdherrschaft oder ein wie immer auch verdeckter Genozid. Jede Regierung Israels muß sich also den Palästinensern gegenüber moralisch schuldig machen, das Völkerrecht mit Füßen treten und die Leiden der palästinensischen Bevölkerung als Mittel der eigenen Verpflichtung ihren Bürgern gegenüber billigend in Kauf nehmen. Ob das periodische Invasionen bedeutet oder mit permanenten Druck und häufigen kleinen Sticheleien abgeht, ist eine taktische Frage. Mit dem Raketenbeschuß kann die andere Seite andererseits jede israelische Regierung jederzeit in die offene Intervention treiben, was in meinen Augen vermutlich eine Strategie der Hamas oder Teilen von ihr ist.

- Die moralischen Qualitäten der führenden Kader eine Befreiungsbewegung unterschieden sich meines Erachtens nicht sehr, und wenn doch, nicht nennenswert positiv von denen eines international agierenden Konzerns, der Landstriche verwüstet und Kinder vergiftet, wenn es anders zu teuer käme. Es mag einzelne Ausnahmen in Form charismatischer und in ihrem Charisma gefangener Personen geben, in der Regel ist ein solcher Kader aber vom Typus des gewinnsüchtigen, machtbesessenen und skrupellosen Tatmenschen. Mit solchen Menschen kann nur aus einer Position der Stärke verhandelt werden, da sie nicht einmal ihresgleichen gegenüber die geringste Verläßlichkeit zeigten oder als Verpflichtung akzeptierten und nur ihren eigenen, im Extremfall unmittelbar persönlichen Vorteil sehen.

- Was die Hamas angeht, würde ich persönlich niemals mit jemandem reden, der Mädchen und Jungen auf Selbstmordmissionen schickt. Ein Mensch, der seinen Kampf nur gewinnen, nur führen und nur fortsetzen kann, wenn er so etwas tut oder billigt, muß diesen Kampf sofort aufgeben. Sich auf Gedeih und Verderb der Gnade eines Siegers auszuliefern, war immer Schicksal der Unterlegenen, wie gravierend auch die Gegensätze der Parteien waren, und ist eine absolut akzeptable und auch sinnvolle (allerdings für den Unterlegenen selten vorteilhafte) Handlungsoption menschlicher Gemeinschaften und Individuen. Wer das nicht tut, ist in meinen Augen ebenso ein Verbrecher wie ein General, der das Land, das seine Armee schützen soll, lieber vernichten läßt, statt angesichts einer entscheidenden Niederlage zu kapitulieren. Und Verbrecher gehören für mich vor Gericht und nicht an den Verhandlungstisch. Das gilt, wie gesagt, für mich als Individuum.

- Trotz allen Chaos existiert auch in den Autonomieregionen eine Ökonomie. Nämlich eine des Schmuggels, der Bestechung, der Protektion, der Vorteilnahme und der Geldwäsche. Die Hamas sorgt sicherlich auch für Kranke, Alte und Kinder, aber sie sorgt ebenso - und ich würde tippen: weitaus besser - für ihre Kader. Dort fließt Geld, und nicht zu knapp, wie jeder weiß, der einmal einen Blick in solche Bewegungen werfen konnte. Und wo Geld fließt, öffnen sich viele gierige Hände. Das schafft ein starkes Interesse an diesen Zuständen. Das Leiden der eigenen Leute hat Kriegsgewinnler noch nie daran gehindert, den Krieg, der sie ernährt, zu fördern oder zumindest nicht zu vermeiden.


Wer kein Interesse hat, sich in den Sumpf dieser Probleme und Abwägungen zu bewegen (und ich kann mich durchaus in jedem der obigen - und noch folgenden - Punkte irren. Ich kann jeden verstehen, der vor der Aufgabe, als Laie in diesem Konflikt Spreu von Weizen zu trennen, die Augen verschließt. Nur sollte er dann nicht als Experte oder Journalist die Klappe aufreißen, sondern es bei privaten Meinungsäußerungen wie dieser hier bewenden lassen und zumindest einmal seine grundlegenden Kriterien der Beurteilung des Geschehens ausführen), wer also sehr verständlich angesichts des übermäßigen Leides nach Mitleid für die Opfer fragt, der sei des Mitleids versichert. Wie es auch den Opfern von Naturkatastrophen zukommt. Dennoch sähe ich hier viel lieber Politiker, Führer des militärischen Zweiges einer Bewegung, Generäle, CEO's und willfährige Legitimationsbeschaffer gleich welcher Couleur und welchen Glaubens mit Phosphorverbrennungen in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern dahin vegetieren als dieMenschen, die jetzt mehrheitlich dort liegen. Aber unter einem Slogan wie 'Die Menschen sollten friedlich miteinander über alles reden und jeden hängen, der das gewaltsam sabotierte' scharen sich nun einmal weder die Massen noch die Mächtigen. Da sind solche netten Slogans wie 'Peace now' und 'Stop the War', die ich mir meistens - zugegeben etwas gemein - als 'Bitte nichts in meinen Augen Böses tun' übersetze, vermutlich unverfänglicher. Zumal ihn beide Seiten sich auf die Schilder malen können, mit denen sie nachher aufeinander los gehen könnten.

Zum Ende noch etwas: ich kenne niemanden, die ein Rezept für die Konfliktlösung hat. Ich denke, ein Prozeß, der die Eliten auf beiden Seiten besticht und ihnen mittelfristig ihre jeweiligen Pfründe sichert - wobei Israel natürlich den Löwenanteil an Reichtum erhalten wird - ist einer, wenn nicht der einzig gangbare Weg. Der aber - wie gehabt - auch schief gehen kann. Deswegen wird jemand mit der Hamas reden müssen, allein schon, um die Kanäle zu erfahren, durch die Geld zu fließen hat, damit es auch bei den entscheidenden Leuten ankommt. Das geschieht vermutlich bereits hinter den Kulissen und es ist gut, daß es nicht an die große Glocke gehängt wird. Ich tippe einmal naiv-verschwörungstheoretisch darauf, daß nahezu alle Beteiligten (vielleicht außer der Hesbollah) grünes Licht dafür gegeben haben, der Hamas auf der einen Seite Angst ums Überleben einzujagen (das macht Israels Armee gerade) und ihr andererseits Belohnungen für ein Wohlverhalten in Aussicht zu stellen (das machen Leute wie Herr Steinmeier oder Herr Sarkozy und nach Herrn Obama's Inauguration sicherlich nachrangigere Leute vom State Department). Denn ringsum halten sich doch alle sehr bedeckt. Der Zeitpunkt war ja auch ideal. Herr Bush muß nicht mehr und Herr Obama muß noch nicht reagieren. Die Aktionen der israelischen Armee im Vorfeld plus die mit fast 100%-iger Sicherheit prognostizierbaren Reaktionen der Hamas darauf kamen pünktlich und wie bestellt. Und das Töten dort unten wird so lange andauern, wie Druck und Lockung noch nicht greifen und wie die Parteien in Israel ihr Handeln noch nicht ausreichend in Wahlerfolge umsetzen konnten. Wir können nur hoffen, das die Hamas billig zu haben ist, damit es mit dem Angstmachen nicht zu lange so weiter geht. Die Wahlwirksamkeit des Schießens auf fremde Staatsangehöriger (der bekannte Maggie-Thatcher-Effekt) scheint in Israel ja durchaus schon zu funktionieren.


Wäre ich Buchmacherin, und wären solche diffizilen Wetten möglich, würde ich Wetten auf das Folgende annehmen:

- es wird über kurz oder lang (allein schon aus Erschöpfung) einen neuen Friedensprozeß im mittleren Osten geben, der wohl den Herrn Obama als großen friedenstiftenden Mentor auf dem internationalen Parkett einführen wird;
- nach diesem Krieg (und seinem militärisch wenig attraktiven Ergebnis) wird in Israel die Bereitschaft in der Bevölkerung wachsen, angesichts der nicht zu beseitigenden militärischen Bedrohung Konzessionen an die andere Seite zu machen, um endlich eine langfristigere Sicherheit zu erhalten, und angesichts des am Boden Liegens des Konkurrenten dafür auch selbst Einbußen wirtschaftlicher Art hinzunehmen;
- nach diesem Krieg werden die Autonomiegebiete und ihre Infrastruktur derart desolat sein, daß jeder Frieden bei den Menschen dort besser ankommen wird als eine Fortsetzung des Krieges, und daß sie auf lange Zeit keine ernsthafte ökonomische Konkurrenz für Israel werden darstellen können;
- die internationale Gemeinschaft (oder irgendwelche Subsamples aus ihr) wird sich stärker finanziell (Wiederaufbau, Bestechung derer, die den Prozeß hindern könnten usw.) und materiell vor Ort (Grenzsicherung etwa) involviert sehen;
- sollte der o.a. Friedensprozeß Erfolg haben, dann vielleicht sogar, weil ein Land wie der Iran mit ins Boot geholt wurde, auf jeden Fall aber, weil die Hamas sich 'arrivierte' (wie zuvor die Fatah) und auf der internationalen Bühne der Mächtigen als neuer Spieler, der ein Volk zum Ausbeuten sein eigen nennen kann, ihre ersten Pirouetten probte;
- sollte er keinen Erfolg haben, stehen Hamas (und ggf. auch der Iran) da wie Afghanistan und die Taliban, was auch nicht schlecht ist, man kann dann um so ungehinderter und berechtigter auf sie einprügeln.


Man könnte das alles auch kürzer ausdrücken:

lachender Dritter ist auf jeden Fall der neue US-Präsident (die Hoffnung der Guten aus dem Norden);
relativ ungeschoren davon kommen Wohlstand und Zukunftschancen Israels;
domestiziert, dafür aber besser ökonomisch abgesichert und insgesamt politik- und gesellschaftsfähiger werden die palästinensischen Machteliten dastehen;
auf recht lange Sicht geschwächt werden die Palästinenser als Ökonomie sein (was neben Israel auch ihren arabischen Nachbarn sicherlich nicht allzu unwillkommen ist).


Oder, ganz kurz: business as usual in the middle east!


Dienstag, Januar 13, 2009

unterwegs 25

© by Jacky Kobelt - Die blaue Spinne

unterwegs
25

oh ja meine freundin
du ahnst nicht

die angst schleppt mich mit
durch das treppenhaus

und ein bisschen schutzlos
leise weine ich jede nacht

erst morgens kommst du
ganz nah an uns ran

aber dann
es ist wieder zu spät

Miroslav B. Dušanić

Dämmerung

© by Marja-liisa Torniainen (2008)

Dämmerung

/…so still ist hier in meinem Zimmer, zwischen der Strenge der flachen Wände so leblos und öde. Das Dunkel nimmt seinen Lauf, kühl und tödlich. Das Licht ausgeht. Es wird Nacht ohne Mond./

aber das gefühl: dem selbst
und der nacht überlassen
ohne tröstliche worte

aber das gefühl: entfremden
gespenstisch mich auflösen
in dem äther…

Ob ich deshalb Dich vermisse?

Miroslav B. Dušanić
(Ausschnitt aus meinem „nachlass von lucas“)

Montag, Januar 12, 2009

Illusion 4


Grün / Green


Wahnsinn

© by cszar - Going Blind

Sonntag, Januar 11, 2009

Um mehr als sich selbst zu finden



Um mehr als sich selbst zu finden

Von der Flucht verlassen
tauche ich in die Begriffe ein,
die versuchen,
meine aktuelle Situation zu benennen.

Je klarer sie sich unterscheiden,
desto deutlicher überschneiden sie sich,
denn es gibt nicht einen diesen Begriffen,
der meine Lage einfach darstellen ließe.

Und die Suche geht immer weiter,
dessen nicht achtend:
denn ich möchte nicht verjähren.

Miroslav B. Dušanić



«Die schlimmste und verbreiteste Krankheit, die uns alle, unsere Literatur, unsere Erziehung, unser Verhalten zueinander durchseucht, ist die ungesunde Sorge um den Schein.»

Walt Whitman: Tagebuch, 1876

Samstag, Januar 10, 2009

Iceland

Freitag, Januar 09, 2009

tatendrang auf-tritt

© by Blue Ridge blog

tatendrang auf-tritt

all-täglich im wind
der uns ereilt

rot - leuchtend
verwildert

hochzuklettern

übt sich unser
gesicht



von zeit zu zeit
der regen-

bogen

so tief gebeugt

unser augenblick
wieder-

willig im erdboden
verstummt

Miroslav B. Dušanić

Donnerstag, Januar 08, 2009

Mittwoch, Januar 07, 2009

SERBIAN ORTHODOX HOLY LITURGY

PEACE FROM GOD — CHRIST IS BORN!



Montag, Januar 05, 2009

PEACE FROM GOD — CHRIST IS BORN!


БЛАГОДАТ, МИЛОСТ И МИР ОД БОГА ОЦА, И ГОСПОДА НАШЕГ ИСУСА ХРИСТА,
И ДУХА СВЕТОГА, УЗ НАЈРАДОСНИЈИ БОЖИЋНИ ПОЗДРАВ:
МИР БОЖЈИ – ХРИСТОС СЕ РОДИ!

Bücherverbrennung

© by tschörda - Bücherverbrennung


Wenn die Feuer gestorben sind
die Stille ist kaum zu ertragen…

Miroslav B. Dušanić

die letzte instanz

© by Randall Sly

die letzte instanz: freibluten
zurück lautlos leicht
verbluten das licht
erlösen nietzscheanisch

Miroslav B. Dušanić

Sonntag, Januar 04, 2009

Elisabeth Lenk: Die unbewußte Gesellschaft


Das Imaginäre ist untrennbar verbunden mit dem menschlichen Hang zu Dramatisierung.



Elisabeth Lenk: Die unbewußte Gesellschaft
Über die mimetische Grundstruktur in der Literatur und im Traum.

Samstag, Januar 03, 2009

unterwegs 24

Piet Mondrian - Komposition mit Rot Blau Gelb

unterwegs
24

von blut ist unsere sonne
im süden und der regen
auch angesagt

in meinen händen zündet
brennt und wärmt

als erinnerung

deine glut rot
eingerahmt

meine glieder zittern

Miroslav B. Dušanić

© by Liu Ye - Fur Mondriaan

die erinnerung
fliegt
über die erde
steigt hoch
steigt auf
in uns -
wir werden
klein und
fallen in
wachsende
sehnsucht

© by URSA

Freitag, Januar 02, 2009

textur