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Ich kann mit den Wörtern machen, was ich will, sie sogar verunstalten. Die Sprache ist mein Material.

Ich bemühte mich allerdings immer, meine Gedichte der russischen Literatur einzuschreiben. In Senegal und Kanada werden französische Gedichte geschrieben, die Dichter legen jedoch Wert auf die Feststellung, dass sie nicht zur französischen, sondern zur senegalesischen oder kanadischen Literatur gehören. Das ist gut und recht, ich vertrete aber für meine Poesie eine andere Haltung. Für mich ist die russische Dichtung eine der wertvollsten der Weltliteratur, und ich benutze die russische Sprache nicht als Mittel, um etwas Fremdes in diese Tradition einzubringen. Ich weiß, wie einfach man seine Herkunft instrumentalisieren kann. Nehmen Sie zum Beispiel Sergei Jessenin, einen genialen Dichter von Weltklasse, der aber seinen Erfolg sorgfältig auf seiner bäuerlichen Herkunft aufgebaut hat. Ich selber stamme aus einem tschuwaschischen Dorf, das erst 1968 elektrifiziert wurde. Hier hätte man allerlei Exotisches hervorkehren können, aber dem bin ich bewusst aus dem Weg gegangen.

Es gibt einen bemerkenswerten Dichter aus einer einfachen AltaiBauernfamilie, Iwan Shdanow, der sich ebenfalls niemals solchen exotischen Spekulationen hingab, obwohl er reichlich Gelegenheit dazu gehabt hätte. Dafür achte ich ihn sehr. Es gibt nämlich auch eine moralische Verpflichtung gegenüber jener Kultur, aus der man stammt. Das ist kein Programm, das ich mir zurechtgelegt habe; die Lebenserfahrung lehrt diesen Respekt vor dem Eigenen. Es wäre unverzeihlich und unmoralisch gewesen, wenn ich brüsk mit der tschuwaschischen Kultur gebrochen hätte. Ich schreibe zwar seit 1960 ausschließlich russisch, habe aber mein ganzes Leben lang für die tschuwaschische Kultur gearbeitet. Tschuwaschisch wurde für mich zur Sprache der Übersetzung: Auf der einen Seite übertrage ich europäische Poesie in meine Muttersprache, auf der anderen Seite habe ich eine Anthologie tschuwaschischer Poesie herausgegeben, die in verschiedenen Sprachen erschienen ist. Gleichzeitig tschuwaschische und russische Gedichte zu schreiben wäre unmöglich gewesen.

Gennadiy Aygi
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