уторак, 04. септембар 2012.

Ana Ristović: Die Sprache, mein Igel

Ana Ristović annulled passport/exponat at World Poetry Day 2010
Die Sprache, mein Igel

Die Laibacher Taxifahrer möchten wetten,
ich käme aus der Ukraine.

Auf mein »Guten Tag« hin
wünschen sie mir eine »Gute Nacht« -
mein Slowenisch riecht nach Süden oder Osten,
Genuss garantiert.

Die Belgrader meinen,
ich käme aus der Gegend von Užice,
ich spräche so gedehnt wie die Morava vor der Dürre.

Und die vom Busbahnhof,
wo ich müde ankomme,
sagen, mein »ć« sei nicht so weich wie das ihre,
ich müsse Slowenin sein –
und unter dem verstärkten Druck
tickt der Taxameter immer schneller.

Und sie fragen, für welche Firma
ich den schlanken Körper, den erhitzten Kopf lenke,
wem das Köfferchen auf den Knien gehöre
und wem der kurze Rock darunter,
der Hühnerstall mit dem vergnüglichen Zweck.

Wem das harte DŽ auf den Sandalen
anstelle der Schnalle gehöre
und wem die beiden lauten »a« im Namen
um meine Arme und meinen Hals, anstelle einer Schlinge.

Und sie fragen, ohne zu wissen:
Meine Sprache ist schneller als ich,
ein Marathonigel, der 500 Kilometer läuft
und dessen Stacheln nach innen wachsen.

Wie Verschwörer treffen wir uns
in der zollfreien Zone, auf halbem Weg:
Uns gehören die stummen Wälder, die taube Zeit,
dort kann ich meinen Sprachigel in der Hand wärmen.

Einer des anderen Schicksal
überstehen wir die Grammatikrevolutionen schweigend:
Ich - die Freude der wiedergefundenen Zweizahl,
er - die Angst vor dem schwarzen Imperfekt.

Ana Ristović

2 коментара:

Cloudy је рекао...

Auch bei uns sind manche Dialekte für mich kaum verständlich, da tippe ich auch meistens daneben...

Servus
CL

LadyArt је рекао...

...ach, das ist ein erfrischendes gedicht, ganz nach meinem geschmack!!! ganz wunderbar! dieses herumstochern in anderen sprachen...dieses wirrwar der dialekte, und akzente.
ich lerne doch gerade slowakisch, bin noch nicht weit, aber ich merke, dass ich manche wörter auch in von anderen slawischen sprachen durchaus verstehe. kürzlich sagte ich zu einem polen "djakujem" - er hat mich sofort verbessert, er schien fast beleidigt, wie ich so ein schönes wort so schrecklich aussprechen könne... Djikujeme - ein wenig nasaliert!!!
ich sagte, "besser als gar nichts, oder?" -

zurück zu diesem gedicht! ich bin begeistert. kann ich etwas biographisches über diese autorin erfahren?

liebe güße
gabriele