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недеља, 20. новембар 2016.

Генадиј Ајги: Наклон — певању (фрагменти)


Наклон — певању (фрагменти)

I 
Хајде да станемо у ред 
као сређена ограда, 
испрсивши се, као месец 
у време уштапа.


IV  
Баш у сијању мраза 
певам ти — као пријатељу 
и од мог гласа већ се хвата иње 
по крзну оковратника. 

V  
И кроз звезду 
назире се пут 
којим ћу отићи 
да се не бих вратио. 


IX 
И, на крају, 
клекнуо сам насред поља, 
не зато што ми је уморна, 
већ зато што ми је горела, душа.


XII  
Изненада се будим, 
као да сам чуо — тебе! 
Сунце се помаља, 
около јаблани светлећи висе. 

XIII 
Браћа већ улазе у село 
са Песмом у част Повратка, 
ветар шуми у брдима, 
терајући у игру јелене.


XVI 
Тужно је — време је кишовито, 
похабала се моја стара одећа 
и ватрено срце се истрошило, 
душа моја непрекидно јадикује. 


XXI 
И, изненада — мир, као да сам 
једини на свету, 
и вејавица у дворишту, вејавица у башти, 
вејавица у пољима. 

XXII
И дан се утишао као да је умрло 
нешта важно у њему, 
и лисица спава у подножју брда 
покривена својим црвеним репом. 


XXV 
Гледам воду — мирна је, 
тиха је моја мисао: 
може се доживети још понешто доброг, 
али може бити добра и смрт. 


XXVIII 
Поново — жетва, и певачи и птице, 
замислили су се и заћутали, 
неко — на тренутак, 
а неко — можда — и заувек. 

Генадиј Ајги


Заувек

Заувек –
Важи за овај свет.
На другом је неизвесност.

Веселинка Стојковић 
(Минијатуре)

петак, 31. август 2012.

Gennadiy Aygi (Генна́дий Никола́евич Айги́)


Ich kann mit den Wörtern machen, was ich will, sie sogar verunstalten. Die Sprache ist mein Material.

Ich bemühte mich allerdings immer, meine Gedichte der russischen Literatur einzuschreiben. In Senegal und Kanada werden französische Gedichte geschrieben, die Dichter legen jedoch Wert auf die Feststellung, dass sie nicht zur französischen, sondern zur senegalesischen oder kanadischen Literatur gehören. Das ist gut und recht, ich vertrete aber für meine Poesie eine andere Haltung. Für mich ist die russische Dichtung eine der wertvollsten der Weltliteratur, und ich benutze die russische Sprache nicht als Mittel, um etwas Fremdes in diese Tradition einzubringen. Ich weiß, wie einfach man seine Herkunft instrumentalisieren kann. Nehmen Sie zum Beispiel Sergei Jessenin, einen genialen Dichter von Weltklasse, der aber seinen Erfolg sorgfältig auf seiner bäuerlichen Herkunft aufgebaut hat. Ich selber stamme aus einem tschuwaschischen Dorf, das erst 1968 elektrifiziert wurde. Hier hätte man allerlei Exotisches hervorkehren können, aber dem bin ich bewusst aus dem Weg gegangen.

Es gibt einen bemerkenswerten Dichter aus einer einfachen AltaiBauernfamilie, Iwan Shdanow, der sich ebenfalls niemals solchen exotischen Spekulationen hingab, obwohl er reichlich Gelegenheit dazu gehabt hätte. Dafür achte ich ihn sehr. Es gibt nämlich auch eine moralische Verpflichtung gegenüber jener Kultur, aus der man stammt. Das ist kein Programm, das ich mir zurechtgelegt habe; die Lebenserfahrung lehrt diesen Respekt vor dem Eigenen. Es wäre unverzeihlich und unmoralisch gewesen, wenn ich brüsk mit der tschuwaschischen Kultur gebrochen hätte. Ich schreibe zwar seit 1960 ausschließlich russisch, habe aber mein ganzes Leben lang für die tschuwaschische Kultur gearbeitet. Tschuwaschisch wurde für mich zur Sprache der Übersetzung: Auf der einen Seite übertrage ich europäische Poesie in meine Muttersprache, auf der anderen Seite habe ich eine Anthologie tschuwaschischer Poesie herausgegeben, die in verschiedenen Sprachen erschienen ist. Gleichzeitig tschuwaschische und russische Gedichte zu schreiben wäre unmöglich gewesen.

Gennadiy Aygi
/Copyright © by Neue Zürcher Zeitung AG/

понедељак, 25. јун 2012.

Poesie und Religion

* 21. August 1934   † 21. Februar 2006
(Sie haben Ihre Poesie einmal als «sakrale Handlung» bezeichnet. In welchem Verhältnis steht die Poesie zur Religion, kann sie die Religion ergänzen oder sogar ersetzen?)

Das ist eine Gewissensfrage und vielleicht sogar die wichtigste Frage des Menschen im Leben. In den letzten Jahren haben mich religiöse Fragen dringender denn je beschäftigt. Eine prätentiöse Antwort kann man schnell finden, das ist aber das Einfachste und Schlechteste in der Kunst. Ich versuche trotzdem zu antworten. Vor etwa zwanzig Jahren las ich eine Arbeit über das Verhältnis afrikanischer Völker zum Wort. Es gibt dort Tabuwörter, die man nicht aussprechen darf, Wörter von ungeheurer Kraft, mit denen man sehr sorgfältig umgehen muss. Bei den Tschuwaschen gilt dasselbe Verhältnis zum Wort. Kleine Kinder, die unbedacht sprechen, werden ermahnt: «Halt inne, schau die Sonne an und bedenke, was du eben gesagt hast.» Auch ich bin in dieser Haltung erzogen worden.

Ich kann und will mein Verhältnis zum Wort nicht ändern, obwohl die Wörter überall eingeebnet und überhaupt nicht so eingesetzt werden, wie sie gewissermaßen erschaffen sind. Die Poesie kann die Religion weder abschaffen noch ersetzen. Religiöse Empfindungen sind für mich die höchsten Gefühle. Das Gebet stellt den schwierigsten Zustand des Menschen dar, weil er dann sprachlos ist. Ich habe einmal ziemlich schroff und vielleicht auch zu direkt gesagt, dass der Dichter auf der vorletzten Stufe der Wahrheit steht, der nächste Schritt würde ihn zum Mönch, zum Heiligen machen. Auf keinen Fall darf er aber auf diese nächste Stufe Anspruch erheben, denn dort endet die Poesie, dort endet das Wort. Max Jacob hat das in einem Brief an einen Dichter so formuliert: «Versuchen Sie, Ihre Fehler zu behalten.»

Hohe religiöse Dinge können in der Kunst nur ausgesprochen werden, wenn der Dichter eine alles ausschließende Glut erreicht, in der man leicht auch über diese Grenzthemen sprechen kann. Das kommt sehr, sehr selten vor. Wenn man sich aber in diesem Zustand befindet, dann weiß man, dass man das Recht und die Kraft dieser Glut besitzt – und dass dies ein natürlicher Zustand ist. Darin liegt die Rechtfertigung des Dichters. Man kann diesen Zustand zwar auch imitieren, aber das wäre eine schreckliche Lüge, und etwas Schlimmeres ist kaum vorstellbar.

Gennadiy Aygi
/Montag, 02.06.1997 Nr.124 - Copyright © by Neue Zürcher Zeitung AG/