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уторак, 11. март 2008.

Miroslav B. Dušanić: Umstellung

© by Aleksandra Lukić
Umstellung

unsere
worte
und
gefühle
bleiben
im zeit-
wirbel
laufend
derweil
wir still
zurück
in den
schatten
treten

Miroslav B. Dušanić

петак, 29. фебруар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Duft der Honigblüte von Heike Dehm

Egon Schiele (Tulln 1890 - 1918 Wien)

Duft der Honigblüte von Heike Dehm

zeile
für
zeile
aus dem gedicht
jede silbe
fließt
und
durch-dringt
selbst die pause
mich
durch-
ein-ander-
bringt
und
wickelt
wieder ein
in
liebes-
leiden

Miroslav B. Dušanić

четвртак, 14. фебруар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Nacht des Heiligen Trifun

Nacht des Heiligen Trifun

nachts umher ging und schrie
so traurig: küssen wollt
unter zweigen ich
wo man die augen offen
bis zu himmel
schlafen kann

die nacht als sie sterne
in den wimpern trug
unerwartet: sie versank
im zarten birkenbaumschatten
dass mein herz
für immer gebrochen

Miroslav B. Dušanić

© by Anke Merzbach
wahrheit des entheiligten

und auch tulpen halfen
nichts gegen grauenhafte
öde blieb genau dort wo
es schlug für dich

was ist ewigkeit außer
theoretisches gewäsch
du meine güte ist das
unerträglich geworden

Elsa Rieger
___________________________________________

und der tag raunt:
nur zweige brachen
im birkenstamme
lebt das herz im namen
unserer nacht

lylo

уторак, 12. фебруар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Fremde in mir

Мирослав Б. Душанић
Fremde in mir

Ich war in Bosnien.
Ich glaube es, dort, geboren zu sein,
aber das war lange her.
Ein ermüdeter Soldat ließ mich
zwischen Buchenbäumen laufen,
damit du mich weiterhin liebst.
Es könnte sein, dass er seinen
jüngeren Bruder in mir sah,
vielleicht, sah er völlig seitenverkehrt.
Wenn ich heute vor dem Spiegel stehe,
gehe ich von einer Welt in die Andere,
und wische das Blut
vom Munde des Erschossenen.
Ich wische es vorsichtig, sehr vorsichtig.
Es tut ihm weh.

Miroslav B. Dušanić

субота, 9. фебруар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Reiselust


Reiselust
Wind versucht
Salz in die Augen zu legen.
Fabian Tietz

Der Tod schleift die Rasierklinge,
ruft uns nach Hause zurück.
An diesem Tage
- fast schon im Frühling -
die Reise wird fortgesetzt.

Unter den Füßen schreien
begrabene Knochen.
Ihre Wehlaute besiedeln
nach Stille hungrige Ohren.

Die Geschichte versucht uns
- fast aufdringlich -
zu verführen,
aber Niemand sehnt sich
nach Selbstmorde.

Miroslav B. Dušanić

петак, 8. фебруар 2008.

Miroslav B. Dušanić:: Serbien


Serbien - die Unmutszunge rührt
seit ich das letzte Mal
Zukunft und
Fluchtstraßen suchte

Serbien - ich wollte nur meinen Mund
aufmachen ernst besorgt
um deine vielleicht
letzten Kriege

Miroslav B. Dušanić


© by Boris S. Staparac: The Scream (Vrisak)

среда, 30. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: Statt des Gedichts einen Brief

Henry Fox Talbot - (primer negativo de Talbot), 1835
Statt des Gedichts einen Brief

kein gedicht
ich schicke dir einen brief
damit dir zeit nicht lang werde
einen brief und strick
mit dem mich feinde gefesselt
ich bin nackt
in einer harten zeit
vor meiner zelle ein wächter
schlicht gelangweilt
aber seine augen
leuchten wie blitze
draußen setzt der wind
ohne mich seinen weg fort
nein erwarte mich nicht
ich strebe nicht nach freiheit
ich bin zu müde
um wieder gejagt zu werden

Miroslav B. Dušanić

недеља, 20. јануар 2008.

Miroslav B. Dušanić: In meinem heutigen Leben


in meinem heutigen leben
kein blumentopf
auf dem fenstersims

der balkon: nur deponie
für ausgeleerte träume

aufgespießte erdbeeren schreien
seit vorgestern auf meinem teller

- die kälte in der luft -

ich sehe zum fenster hinaus
auf die straße
und alles leer

die nacht verschlingt
nicht nur die stadt
sie beißt mich sehr

Miroslav B. Dušanić
/Ausschnitt aus "Stadtlieben"/

недеља, 30. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: An den Lippen klebt das Wort*

The Silent Sea (2002)
Videoloop auf Plasmabildschirm (Screenshot)
© Bill Viola
An den Lippen klebt das Wort*

vom schweigen belastet
dichten wir - mal du
mal ich

in den freien versen
und zwischen-
zeilen

- überall
verwegene spuren

angereihte buchstaben
bohren tiefe stiche
in brüste
unserer freunde

bis der letzte atem
ihre lungen
füllt

Miroslav B. Dušanić

*um zwei Strophen kürzere Version (Endversion)

субота, 29. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Am Tag als ich sechsundvierzig wurde

Am Tag als ich sechsundvierzig wurde  

am tag als ich sechsundvierzig wurde
habe mich rechtherzlich bedankt
für alle liebvollverabreichten geschenke
und ich lachte
meine frau lachte
und kinder lachten auch

ich halte es für möglich dass ich viel lachte
viel mehr als sonst
und dass ich kunstvollverpackte geschenke
mit verlegenheit auspackte
viel langsamer
als am tag als ich fünfundvierzig wurde

Miroslav B. Dušanić


die tollste musik ist
wenn man jung ist und schön
mitten in der besten zeit ~ wie man so sagt

wieder gehört steigt ein bild auf
von party und tanzen, ohja,
das schmusen und angreifen
bei: non, je ne regrette rien
und das kehlige, ja, das kehlige lachen

deines, das es nicht mehr gibt ~ gar nicht mehr
die platte kratzt wie die erinnerung

Elsa Rieger

четвртак, 27. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Hildesheimer Weihnachtsmarkt

© by Dieter Mendzigall

Hildesheimer Weihnachtsmarkt

und hängen lebkuchenherzen
wie regentropfen oder tränen
früh mittags spät
mit mystischem duft
an der ecke rathausstraße
musikanten geigen
aus vergessenen sprachen

und wer ist das geborene kind
wo ist das herz
das all das schlug

Miroslav B. Dušanić

петак, 21. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Pfeife des Herren N.

Vincent van Gogh - Old man with a pipe
Pfeife des Herren N.

wie alt ich damals wohl war
mit furcht und bange besetzt
sechs sieben neun in der welt
bis sich alles auflöste
und herr n. seine pfeife
auf den tisch gestellt
und verschwand
in weit abfallendes licht
damals schwärzte die sonne
schneller geheimnisvoll verirrt
in alle himmelsrichtungen
und gab sich nie ganz
in seiner farbe aus
auch herr n. kam nie wieder
alle lebensspuren verwischt
bis auf kohlengebrannte
rauchkratzer des pfeifenkopfs

Miroslav B. Dušanić

четвртак, 20. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Der Fremde in Deutschland

Мирослав Б. Душанић
Der Fremde in Deutschland

Jeden Tag geht er heim
mit dem letzten Sonnenlicht
stolpernd durch die Straßen zieht
reibt sich Stirn
unbekanntes Verbrechen wegen
und schuldüberwältigt
ins Bett hinfällt.

Miroslav B. Dušanić

уторак, 18. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Trauerarbeit

Мирослав Б. Душанић
Trauerarbeit

ich gehe in die leere
und du -

das licht ist tot
im nebel hängen bäume
im nebel sind dächer
und niemand mehr erkennt
ausgerupfte federn
und verwilderte felder

eng -

immer enger die pfade
als hätte die zeit beeilt
zu fließen

geliebte -

ich gehe in die leere
ich gehe
mit deinem lachen

Miroslav B. Dušanić

петак, 7. децембар 2007.

Miroslav B. Dušanić: Notiz zu den Bekenntnisnotizen


Notiz zu den Bekenntnisnotizen

bin im land der stille
mit verdunkelten augen
ewig auf der suche
nach schatten-
kinder und verwundeten

zugegeben: ich habe mich
angewöhnt
- wenn auch leidend -
erwarte kein trost
für die einsamkeit
ich bleibe unversöhnt
räume die welt auf
- sie hat es bitter nötig

Miroslav B. Dušanić



© by Máximo González