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субота, 6. август 2011.

Miroslav B. Dušanić: Grenzgänger


Grenzgänger

Ein lauter Schrei
gefesselt im fremden Lande
Der letzte Blick bestimmt die Distanz
von Hildesheim nach Belgrad
Kinder lachen
das letzte Leben heraus

Miroslav B. Dušanić

субота, 2. јул 2011.

Miroslav B. Dušanić: Dem Schicksal ergeben

Dem Schicksal ergeben

So kalt
So hart
So wirr und bunt
Furcht und Leiden
Selbst die Götter
Sterben heute in Serbien…

In dieser Dunkelheit
Die Wege unbewegt

Die Lust auf die Reise
In mir erlischt

Jetzt werde ich nur im Traum
Die vertrauenden Hände küssen…

Miroslav B. Dušanić

уторак, 31. мај 2011.

Miroslav B. Dušanić: Du neigst dich…

Cover: Bocca & Marsin - Dunkle Tage
Du neigst dich…
(an Gabriele)

an dunklen tagen in selbstzweifeln verharrend
suchst du die antwort: ob die natur seit alters hat
irgendwelche gebrechen eingepflanzt oder nach
rechts und links und über das ganze hin, ihre
schlimme gewöhnung ausgeströmt…

ob du erstickend fast im schatten eines baums,
das erinnerungslied von kindheitszeit – die mutter
abends immer sang — doch wieder hören kannst…

die winde brausen… die mauern stehen… komm in
meine brust! komm, kehre zu mir zurück! denk nach:
ganz mit müh und not, hier auf der erde überrannt,
der mensch hat keinen hafen — so ist das eben —

und die zeit kein ufer, keine eile… sie fließt wieder
und immer wieder — naturgegeben, und du und ich
und alle, stets von gut und bös getrieben, vergehen
im strom…

Miroslav B. Dušanić

уторак, 17. мај 2011.

Miroslav B. Dušanić: Diese Nacht


Diese Nacht

Ich konnte sie nicht mehr ertragen

Unter der Last der Einsamkeit
aus meinem eigenen Leben
brach ohne Ende
wie die Epidaurische Schlange scharf
eine irre Stille herein

Du wirst mich nie mehr sehen
ich bin unmerklich leise zerbrochen

Miroslav B. Dušanić

петак, 6. мај 2011.

Miroslav B. Dušanić: Blätterfall und Schweigen


Blätterfall und Schweigen
                        
Es ist vorbei, es ist vorbei
meine Freunde,
das Blatt vom Baum fällt nieder —
im Unklaren verschwimmt
                      
Vergeblich suche ich es
in meinem Verstecknest —
jedes Zeichen von ihm
fehlt

Es ist Zeit, es ist Zeit
meine Freunde,
das Licht ist auch fort —
spreitet sich zum Nachtkristall*

Vergeblich strecke ich Hände aus,
inmitten des stillen Zimmers
mit all schönen Sätzen —
das Gedicht bleibt unvollendet

Miroslav B. Dušanić

________________________________
* Wiedergabe aus Martin von Arndt - „Kinder aus Bukarest“ in Asrael, Segler Verlag, Freiberg/Sachsen 2001. 



уторак, 26. април 2011.

Miroslav B. Dušanić: Verführung

Verführung
                ...und dann, wenn Stille herrscht, ist endlich alles gut!
                                                                 Gabriele Brunsch
Zwischen den Regentropfen
wenn mehrere Winde
über die Gräber hinweg wehen
und Dämonen flüsternd
die Luft durchtanzen
fliegen die Vögel zum Himmel

Und du spürst weinend
einen Kuss auf den Lippen
so jeder Blick in die Ferne
und jedes Nichtsagen
ganz für dich allein

Der Tod schleift die Rasierklinge
jenseits der Wolke
und streift in den Mauern
aus Kälte und Eis leis
und schlicht deine Kehle

Miroslav B. Dušanić


понедељак, 7. март 2011.

Miroslav B. Dušanić: Der zweite Brief aus Hildesheim

© by Maurice Estève - "" (1989)
Der zweite Brief aus Hildesheim

In der Erwartung, im Blut
verweht der Schmerz.

Die Tage, die Wochen,
ich mit dem Messer,
schnitt, schnitt, schnitt,
von außen nach innen
meine Hände lautlos.

Im düsteren Gang, lautlos
starrend, lautlos fürchtend.

In trübem Sinnes Wahn,
ganz allein.
Allein. Allein. Allein.

Miroslav B. Dušanić

среда, 29. децембар 2010.

Miroslav B. Dušanić: Ein Wort

Alfred Kubin

Ein Wort 

Es gab ein Wort
das im Kult der Aufopferung
Lippen suchte
Ein Wort
wie ein orthodoxer Mönch
unabhängig von der Zeit
Ich sang es im Schlaf
und flüsterte es
bis zum Ende des Traums
Jetzt suche ich es
möchte es aufschreiben
kann‘s nicht finden 


Miroslav B. Dušanić

субота, 12. јун 2010.

Miroslav B. Dušanić: Asyl

© by Mirko Šević
Asyl

Aus den Tiefen webt sich
die Kälte
in meine Seele ein
die Einsamkeit wächst
und das Schweigen
überall um mich herum
bis in den letzten Winkel
des Raums
und nirgends ein Riss
aus dem ich herausginge

Alles fremd
so die erste erlebte
Finsternis klebrig gleitend
über die Haut
und ohne Formen
für den schwingenden Blick
aber das Verlangen nach
oben ans Licht zerbricht
mich schnell und begräbt
noch immer lautlos
langsam als ob die Zeit
still stünde und ich endgültig
nicht sterben könne
sobald das richtige Wetter
nicht käme
und meinem Himmel
einen neuen Anstrich gäbe

Die Flucht änderte nichts
sie blendet mich
wie die Scheinwerfer
beim Verhör und ich bleibe
weiterhin vereinsamt
und unsichtbar gefesselt
erwarte ungeduldig
bis die bleierne Müdigkeit
mich überdacht
und der Tod
von weither rettend küsst

Miroslav B. Dušanić

© by Mirko Šević

уторак, 8. јун 2010.

Miroslav B. Dušanić: Deine Hände

© by Katerina Lomonosov
Deine Hände

das sind deine hände
ein flammendes rot allen liedern
in denen dein mut alles übersteigt
ein schrank voller vorräte

das sind deine hände
ein flammendes rot des lebens
der lange nachklang einer glocke
ein paar margeriten aus garten

das sind deine hände
ein flammendes rot der liebe
alle sind willkommene gäste
ein jeder geht beschenkt nach hause

das sind deine hände
ein flammendes rot wünsche ich mir

Miroslav B. Dušanić

петак, 28. мај 2010.

Miroslav B. Dušanić: Ein ganz anderes Gefühl



Ein ganz anderes Gefühl

Die Tage zwischen Bahngleisen
Vorbei
Als unser Zug um die Ecke bog
Und zog vorüber

Kein Wind
Weder Wort noch Melodie

Nie mehr deine Umrisse formen
Und auf ein Lebenszeichen
Zu warten in der Hoffnung
Dass es zubeißt

Nicht für einen Augenblick:
Die Ankunft Bahnhof Köln
Um 13:30
Deinen Schritten lauschen

Nur träumen
Nur träumen

Wie wir da am Bahnhof stehen
Wie Kinder
Im Chaos unbeschwert

Miroslav B. Dušanić

понедељак, 17. мај 2010.

Miroslav B. Dušanić: Lied zur Ermutigung

© by Bådteatret - København
Lied zur Ermutigung

Melde Dich!

Für deinen Anruf habe ich Gedichte von Elsa Rieger,
von Tasso und Tanja Dückers gesammelt.
Und drei Rosen selbstgeköpft.
Je eine, für jedes Jahr des Schweigens.

Melde Dich!

Ich lese keine Texte von mir mehr. Ich weiß es,
sie sind konfus und leer.
Hinterlassen keine Spuren
und verhallen mit der Zeit. Wie ich.

Melde Dich!

Der Mond steigt Nacht für Nacht langsamer auf.
Es regnet oft. Es tropft. Es rauscht.
Und Winde kühlen mein Herz. Das sind einfach Dinge,
die ich nicht mehr begreife. Das schmerzt.

Miroslav B. Dušanić

петак, 14. мај 2010.

Miroslav B. Dušanić: Blume des Bösen

© by Михаил Викторов: Цветы зла (Michael Victorov:Flowers of evil)

Blume des Bösen

Ich versuchte ihre Hände anzurühren
die wächserne Stirn
und raue Gewebe
die ihr Körper geheim hält

Einen Kuss ins Gesicht einzudrücken
und wie ein Vogel
in kupferne Gegend davonzufliegen
mit der Handschrift über erlebte Angst

Aber etwas Morbides war es
in diesem Spiel

Sie blieb in vier Wänden vereinsamt
himmelschreiend nach dem Licht
das nie die zerstörende Kraft besaß
um ins Zimmer durchzudringen

Nicht einmal ein tiefer Seufzer
meine Bitte meine Klage
nicht einmal ein Herzklopfen
konnte sie erbarmen

Nichts außer der Finsternis war es
in ihrem Schoß

Miroslav B. Dušanić
/1984 - 2010: immer wieder neugeordnet und verfasst - ursprünglich wurde es auf Serbisch geschrieben/

субота, 8. мај 2010.

Miroslav B. Dušanić: Dort

dort

die wortlaute
gingen verloren
den letzten vers
ein hundegeheul
nahm ich mit
sammelte eilig
noch schatten
und träume
die seelen
weit umher
in die vier winde
zerstreut
blieben wie ein
zerrissenes buch

dort

wäre ich ein
großer dichter
wie jovan dučić
der uns liebte
heimattreue
lehrte
nun bin fern
dichte nicht
heule nur worte
für all die fremde
die das leben
meines volkes
blutig
entwebten

Miroslav B. Dušanić